"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 21. April 2018

Strandgut der Woche

Donnerstag, 19. April 2018

The Witches and the Grinnygog

Das phantastische Kinderfernsehen der Briten ist eine Welt, mit der ich mich auf meinem Blog bisher viel zu selten beschäftigt habe. In den frühen Tagen von Skalpell und Katzenklaue habe ich mal eine Besprechung der Tripods / Dreibeinigen Herrscher (1984/85) veröffentlicht, dann einen Post über Children of the Stones (1977), den legendären "Wicker Man for Kids", und schließlich einen vorweihnachtlichen Beitrag über The Box of Delights (1984). Na ja, The Worst Witch (1986) gehört wohl auch noch dazu. Ein Artikel über den walisischen Arthur of the Britons (1972/73) ist leider nie über den ersten Entwurf hinausgelangt und wartet bis heute auf seine Vollendung.
Ich glaube, es war Mr. Jim Moons Podcast-Episode über King of the Castle (1977), die mich vor einiger Zeit dazu animierte, einmal wieder einen Abstecher in diese Gefilde zu unternehmen. Eher zufällig landete ich bei der 1983 von TVS {damals noch Teil von ITV} produzierten Miniserie The Witches and the Grinnygog. Ich hab' halt was übrig für Geschichten über Hexen, auch hatte es mir der frühneuzeitlichen Holzschnitten nachempfundene Vorspann sofort angetan.

Als die alte Kirche St. Cuthbert abgerissen und {auf Druck einer kleinen Bürgerinitiative} Stein für Stein zum künftigen Wiederaufbau an einen anderen Ort transportiert wird, fällt eine groteske Skulptur von einem dahinrasenden Laster und der guten Mrs. Firkettle (Jane Wood) quasi in den Schoß. Die alleinerziehende Mutter dreier Kinder beschließt, das {ähem} "Fundstück" mitzunehmen und ihrem Vater zu schenken. Schließlich hat sich Granddad Adams (John Barrard) schon immer einen Gartenzwerg gewünscht. Derweil machen sich auf Initiative von Reverend Sogood (Robert Swann) dessen Kinder Colin (Giles Harper) und Nan (Heidi Mayo) zusammen mit ihren Freunden Essie (Zoe Loftin) und Dave (Adam Woodyatt) Firkettle daran, ein kleines Heimatmuseum einzurichten. Unter den potentiellen Exponaten finden die vier das Tagebuch eines früheren Pastors der Gemeinde, in dem von den örtlichen Hexenverfolgungen während des 17. Jahrhunderts die Rede ist.
Dinge beginnen etwas wunderlich zu werden, als Daves und Essies kleiner Bruder Jimmy (Paul Curtis) felsenfest behauptet, dass die groteske Steinfigur im Garten zu ihm gesprochen habe, und wenig später der geheimnisvolle Mr. Twebele Alabaster (Olu Jacobs) im Dorf auftaucht. Der aus Afrika angereiste Gentleman behauptet, Anthropologe zu sein und die englische Folklore erforschen zu wollen. Sein besonderes Interesse gilt einem Artefakt, das er "Grinnygog" nennt, und das sich schon bald als Granddads neuer "Gartenzwerg" entpuppt.
Mr. Alabaster bleibt nicht der einzige ungewöhnliche Neuankömmling. Da wären zuerst einmal drei ältliche und ziemlich exzentrische Frauen: Mrs. Ems (Heila Grant), die sich zusammen mit ihrer stummen und leblos wirkenden Tochter bei den Firkettles einmietet; Miss Bendybones (Patricia Hayes), die eine Stelle als Haushälterin bei Rev. Sogood antritt; und die umhervagabundierende Miss Edie (Anna Wing), die ihr Lager zeitweilig auf dem Golfplatz aufschlägt -- sehr zum Ärger des versnobten Major Gilmour, der sich allerdings überraschend schnell durch eine ihm angebotene Tasse Tee versöhnen lässt. Und dann ist da auch noch ein mysteriöses Mädchen namens Margaret (Eva Griffith), das etwas verloren und verängstigt wirkend durch die Gegend streift und scheinbar auf seine Mutter wartet.
Wie unsere vier jungen Heldinnen und Helden nach und nach herausfinden, stehen alle diese Geschehnisse in Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen. Auch wenn der stets skeptische Dave dies lange Zeit nicht eingestehen will, kann doch schon bald kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es sich bei den drei seltsamen Frauen um die zurückgekehrten "Hüterinnen" ("Guardians") handelt, die in dem alten Tagebuch erwähnt werden und die im 17. Jahrhundert der Hexerei angeklagt worden waren. So wie es aussieht, geht es darum, eine uralte Geschichte von Intoleranz und Gewalt endlich zu einem friedvollen und versöhnenden Abschluss zu bringen. Eine zentrale Rolle scheinen dabei der "Grinnygogg" und das herannahende Mittsommerfest zu spielen.

The Witches and the Grinnygog basiert auf dem zwei Jahre zuvor erschienenen, gleichnamigen Kinderbuch von Dorothy Edwards, die ungefähr zur selben Zeit auch "several anthologies of short stories, folklore and poetry for children, chiefly on the subjects of magic, witchcraft and ghosts" herausgab, u.a. Ghosts and Shadows (1980) und Mists and Magic (1983).
In ihrer Darstellung der Hexen knüpfte die Schriftstellerin an die von Margaret Murray (The Witch-Cult in Western Europe [1921]) populär gemachte Vorstellung an, dass es sich bei den Opfern der Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts um die Anhängerinnen einer vorchristlichen Naturreligion gehandelt habe. Eine Idee, die auch bei der Gründung der Wicca - Religion durch Gerald Gardner (1884-1964) eine wichtige Rolle gespielt hatte. Wissenschaftlich haltbar ist diese These nach heutigem Erkenntnisstand zwar nicht, aber das tut meiner Meinung nach nicht wirklich was zur Sache. Als Stellvertreterinnen für alle unterdrückten und marginalisierten Gruppen, die aufgrund ihres "Andersseins" unter Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt zu leiden hatten, funktionieren die "Hexen" allemal. Und eben darin besteht ihre Rolle in dieser Geschichte. So habe ich das jedenfalls interpretiert.
Schon bei der ersten Unterhaltung der Kinder über die Hexenverfolgungen lässt Essie die Bemerkung fallen: "They never burned men, did they?" Historisch ganz korrekt ist zwar auch das nicht, aber es verweist sogleich auf den Subtext der Geschichte. Wie wir später erfahren, gehörten auch die Vorfahren der Firkettles zu jenen "besonderen" {eine bessere Bezeichnung wäre wohl "andersartigen"} Leuten, denen man mit Misstrauen, Intoleranz und im Extremfall brutaler Gewalt begegnete. Was auch erklärt, warum sofort eine übersinnliche Verbindung zwischen dem kleinen Jimmy und dem Grinnygog besteht, und sich Essie im Laufe der Ereignisse immer stärker zu der "paganen" Welt der Hexen hingezogen fühlt. {Und ist es bloßer Zufall, dass Zoe Loftin rote Haare hat?} Eigentlich schade, dass sie am Ende nicht das Erbe ihrer Ahnen antritt und selbst zu einer Hexe wird.* Doch in diesem Punkt ist die Serie eindeutig: Die Hexen sind Vertreterinnen einer vergehenden Welt. Wenn sie in der letzten Epiosode am Abend des Mittsommerfestes gemeinsam mit Mr. Alabaster nach Afrika fliegen, hat das ein bisschen was von der Abfahrt der Elben von den Grauen Anfurten im Lord of the Rings. Auch wenn die drei ganz sicher nichts von der aristokratischen Aura der tolkienschen Eldar an sich haben. Die Magie verlässt die Welt.
Und natürlich ist Mr. Alabaster als Afrikaner selbst einer jener "Anderen". In einer Uminterpretation der alten Folklore übernimmt der Anthropologe und Schamane ("Witch Doctor") die Rolle des "Black Man" für den Hexenzirkel.** Nicht dass er eine diabolische Gestalt wäre. Er selbst erklärt, dass dieselbe Rolle in seiner Heimat oft von einem "weißen Mann" gespielt werde. Was zwar kaum etwas mit realen afrikanischen Traditionen zu tun haben dürfte, aber noch einmal hervorhebt, dass es um das "Anderssein" geht.
Wenn Afrika am Ende der Miniserie als der letzte Zufluchtsort für Magie und Naturreligion erscheint, haftet dem natürlich unverkennbar ein Element von Exotismus an. Doch möchte ich betonen, dass Mr. Alabaster nie als eine Art "edler Wilder" gezeichnet wird. Ab und an legt er zwar die traditionelle Gewandung eines Schamanen an, aber selbst dann bleibt er ganz der kultivierte und höfliche Gentleman. Und wenn er zum Abschluss gemeinsam mit den Hexen nach Afrika fliegt, geschieht dies nicht auf magische Weise, sondern in einem Helikopter, dessen schwarzer Pilot darauf hindeutet, dass er unmittelbar aus Mr. Alabasters Heimat gekommen ist, welche wir uns also nicht als ein antimodernes, magisches Paradies am Ende der Welt vorstellen sollen.

Eine der auffälligsten Eigenheiten von The Witches and the Grinnygog ist, dass es keine wirklichen Antagonisten in der Miniserie gibt. Trotz des Subtextes über Intoleranz und Verfolgung begegnen wir niemandem, der als Vertreter von christlicher Bigotterie, weißem Rassismus oder männlichem Chauvinismus erscheinen würde. Das schlimmste, was man von den Erwachsenen sagen kann, ist, dass sie blind für die ungewöhnlichen Ereignisse sind, die sich um sie herum abspielen. Doch dafür gibt es eine gute Erklärung: Sie haben schlicht keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. So erscheint vor allem Mrs. Firkettle oft ungeduldig und genervt, aber wir können ihr Verhalten recht gut verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sie eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern ist, die täglich in eine Nachbarortschaft pendeln muss, wo sie {für einen recht mageren Lohn} in einem kleinen Kaufhaus als Verkäuferin arbeitet.  
Damit wird dem Thema sicher etwas an Schärfe genommen. Ganz allgemein herrscht ein Geist der Versöhnung. Doch gerade das hat für mich auch zum besonderen Charme der Miniserie beigetragen. Das große Mittsommerfest, mit dem The Witches and the Grinnygog ausklingt, erhält dadurch beinah eine Art utopischen Vibe.
Wenn z.B. Miss Edie ihre Nachfahrin Miss Possett (Anne Dyson) besucht, eine fromme Christin und ehemalige Sonntagsschullehrerin, und ihr als Geschenk einen prächtigen, mit zahllosen farbenfohen Blumen geschmückten Hut herbeizaubert, ist klar, dass sie der stets schwarze, puritanisch anmutende Kleider tragenden alten Dame etwas Lebensfreude schenken will, die ihr durch ihre Religion {scheinbar} verwehrt wurde. Dennoch kommt es nicht zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei gegensätzlichen  Weltanschauungen. Miss Possett freut sich über das Geschenk, aber das ändert nichts an ihrem Glauben. Man trennt sich in einm Geist gegenseitigen Respektes.
Interessanterweise hält Miss Possett die Firkettle-Kinder davon ab, während der finalen Szene ein "heidnisches" Lied anzustimmen, das sie zuvor mit ihrem Großvater gesungen hatten und das bei Essie ein euphorisches Gefühl des Losgelöstseins, beinah des "Fliegens", ausgelöst hatte. Aber dies muss wohl in erster Linie im Kontext des Motivs vom "Schwinden der Magie" gesehen werden. Was dem versöhnlichen Abschluss eine leicht wehmütige Note verleiht. Das Mittsommerfest ist in gewisser Hinsicht ein letztes Abschiedsgeschenk jener, die nun für immer verschwinden werden. Beinahe als ginge es darum, die Dorfgemeinschaft daran zu erinnern, was sie nun verloren haben.

Trotz des im allgemeinen so versöhnenden Tones, besitzt die Miniserie durchaus auch ihre düsteren Momente. Diese konzentrieren sich hauptsächlich auf die Figur der jungen Margaret oder Daisy. Bei dieser handelt es sich um Mrs. Ems' Tochter, die während des blutigen Chaos der Hexenverbrennungen von ihrer Mutter getrennt wurde und seitdem verloren durch die Zeitalter irrt. Besonders eindringlich ist dabei vor allem eine Szene. Mrs. Firkettle begegnet der verängstigen Margaret bei Anbruch der Nacht im Wald, und plötzlich verwandelt sich das abendliche Dorf in der Ferne in die Szenerie aus dem 17. Jahrhundert mit den flackernden Lichtern der Scheiterhaufen und dem fernen Gegröhle des Lynchmobs.
Während Margaret offenbar unablässig von der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit verfolgt wird, scheint der Verlust ihres Kindes bei Mrs. Ems ein so großes Trauma verursacht zu haben, dass sie nicht bereit ist, sich offen mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen, sondern stattdessen eine Schaufensterpuppe als ihre Tochter kostümiert und felsenfest davon überzeugt zu sein scheint, dass es sich bei dieser tatsächlich um Margaret handelt. Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ist das ziemlich düster.

Eine weitere recht interessante Eigenart der Miniserie ist es, dass unsere kindlichen Heldinnen und Helden letztenendes nur wenig zum glücklichen Ausgang der Geschichte beitragen. Trotz all ihrer Nachforschungen und kleinen Abenteuer erschöpft sich ihre Rolle hauptsächlich darin, Zeugen der Ereignisse zu sein, die sich um sie herum abspielen. Die Serie macht das sogar ganz explizit, wenn Nan am Ende von Miss Bendybones die Aufgabe erteilt wird, die "Wahrheit" aufzuschreiben, was diese dann auch in ihrem Tagebuch macht. Ich habe das für mich als ein weiteres Leitmotiv der Geschichte gedeutet: Versöhnung ist nur möglich, wenn sich eine Gesellschaft über die von ihr in der Vergangenheit verübten Verbrechen Rechenschaft ablegt und die Wahrheit über sich und ihre Opfer ausspricht.

Es erübrigt sich eigentlich, am Ende noch einmal zu sagen, dass ich The Witches an the Grinnygog für ein sehr sehenswertes Stück TV-Phantastik halte. Aufgrund rechtlicher Komplikationen ist die Miniserie leider nie auf DVD erschienen. Allerdings kann man auf Youtube die Videoaufzeichnung einer alten Fernsehausstrahlung finden.



* Die thematisch verwandte, aber sehr viel düsterere Episode The Witch's Bottle aus der ITV-Serie Shadows (1975) geht auch in dieser Hinsicht deutlich weiter.
** Aufgrund von Nathaniel Hawthornes The Scarlet Letter und H.P. Lovecrafts Dreams in the Witch House hatte ich den "Black Man" bislang immer für eine spezifisch amerikanische Zutat zur Hexen-Folklore gehalten. Tatsächlich jedoch war seine Gestalt auch in England fester Bestandteil des volkstümlichen Aberglaubens, wie ich durch meine Lektüre von Frank J. Gents sehr informativem Büchlein über die Hexenprozesse von Bideford (1682) erfahren habe. Das "schwarz" bezog sich übrigens nie auf die Hautfarbe, sondern stets auf die Kleidung.

Samstag, 14. April 2018

Strandgut der Woche

Mittwoch, 11. April 2018

Meine alternative Lovecraft - Film - Liste

Habe ich schon einmal meine tiefe Abneigung gegen Listen erwähnt, die von sich behaupten, die zehn/fünfzig/hundert besten Filme eines bestimmten Genres {oder gleich der gesamten Filmgeschichte} aufzuführen? Ich weiß, so was klingt gut und gibt vorzügliches Clickbait ab, aber mal ehrlich: wer kann für sich die Autorität in Anspruch nehmen, solch eine Liste zusammenzustellen? Selbst wenn man davon ausgehen würde, dass sich die Qualität eines Filmes nach völlig objektiven Maßstäben beurteilen ließe, bliebe immer noch das kleine Problem, dass die betreffende Person sämtliche Filme in dem betreffenden Genre gesehen haben müsste, bevor sie eine derart autoritative Liste zusammenstellen könnte. Es wäre so viel ehrlicher, solche Artikel mit "Meine zehn/fünfzig/hundert Lieblingsfilme in dem und dem Genre" zu überschreiben.

Es wird deshalb nicht verwundern, dass es der kürzlich auf Tor-Online erschienene Beitrag von Peter Osteried Die zehn besten Lovecraft-Verfilmungen von Anfang an schwer hatte, meine Sympathie zu wecken. Hätte der Titel "Zehn Filme, die ich mag und die irgendwas mit Lovecraft zu tun haben" gelautet, dann wäre ich der Liste selbst sicher sehr viel wohlgesonnener. Denn auch aus meiner Sicht sind die aufgeführten Filme durchaus einen Besuch wert. Manche von ihnen auch mehr als einen. Und doch kann ich nicht umhin, festzustellen, dass das Ganze sich für mich ein bisschen wie die üblichen Verdächtigen ausnimmt. 

Mit Ausnahme vielleicht von Takashi Shimizus Marebito (2004) -- einem äußerst faszinierenden Streifen, den ich vor Zeiten hier besprochen habe, der trotz cthulhuider Untertöne aber ganz sicher keine "Lovecraft-Verfilmung" ist. Und wenn wir uns tatsächlich über den eng begrenzten Kreis selbsterklärter {oder klar erkennbarer} Adaptionen hinausbegeben und in die Gefilde des lovecraftianischen Horrorfilms im Allgemeinen vorstoßen wollten, gäbe es ohne Frage neben Marebito noch eine Menge Kandidaten, die eher einen Platz auf dieser Liste verdient hätten, als viele der Angeführten.
 
Etwas ärgerlich finde ich u.a., dass der älteste aufgelistete Film Stuart Gordons Re-Animator aus dem Jahre 1985 ist. Es gibt in meinen Augen keine Entschuldigung dafür, dass eine Liste der "besten Lovecraft-Verfilmungen", die The Unnamable aka The White Monster (1988; hier besprochen), Necronomicon (1993; hier besprochen) und The Resurrected (1991; hier besprochen) enthält, die AIP-Adaptionen der 60er Jahre mit der Bemerkung abtut, "besonders erfolgreich waren sie nicht", und sie nicht einmal einer namentlichen Erwähnung würdigt. Ich denke, dass sowohl Roger Cormans als Teil seines Poe-Zyklus getarnte Verfilmung von The Case of Charles Dexter Ward, der er den Titel The Haunted Palace (1963) verpasste und in dem nicht nur Vincent Price, sondern auch Lon Chaney Jr. und Debra Paget mitwirkten, als auch Daniel Hallers bizarr-psychedelische Counter Culture - Variante von The Dunwich Horror (1970) einen Vergleich mit den drei vorgenannten Flicks nicht zu scheuen brauchen.
Gleichfalls etwas problematisch finde ich, dass beinah die Hälfte von Osterieds Liste aus Stuart Gordon - Filmen besteht. Ich mag Gordons Flicks, insbesondere Re-Animator (1985) und From Beyond (1986), aber ob diese grandios-grotesken Gore-Spektakel besonders gelungene filmische Umsetzungen von Geist und Atmosphäre des lovecraftschen Horrors sind, ließe sich meiner Ansicht nach in Frage stellen. Und Castle Freak (1995) hat wirklich so gut wie nichts mit dem Werk des alten Gentleman von Providence zu tun. Um so verwirrender finde ich es, dass Osteried ausgerechnet Gordons Dreams in the Witch House (2005; hier besprochen) außen vor gelassen hat, obwohl es sich dabei neben Dagon (2001) um die getreueste Lovecraft-Adaption des Regisseurs handelt. Vielleicht, weil es ein Fernsehfilm ist?
Und so erfreulich ich es auch finde, dass die von der H.P. Lovecraft Historical Society produzierte Stummfilm-Version von The Call of Cthulhu (2005) ihren Weg auf die Liste gefunden hat, irritiert es mich doch, dass die zweite filmische Unternehmung der HPLHS, ihre im Stil der 30er Jahre gehaltene Adaption von The Whisperer in Darkness (2011), ungenannt bleibt.

Aber ich will nicht bloß rumnörgeln. Deshalb habe ich ich eine eigene kleine alternative Liste zusammengestellt. 

Mein Ziel war es dabei nicht, "bessere" Lovecraft-Verfilmungen zu präsentieren, sondern auf unbekanntere Werke hinzuweisen, die im Großen und Ganzen eigenwilliger und experimenteller sind, als die meisten der von Osteried aufgelisteten Werke. Viele dieser Streifen sind Low Budget - Produktionen, die meisten Kurzfilme. Sie stellen bloß einen kleinen Ausschnitt dessen dar, was es neben den üblichen Verdächtigen an lovecraftianischer Filmkunst so gibt. Die meisten von ihnen kann man sich auf Youtube oder Vimeo problemlos anschauen.

  • Cthulhu (2007) von Dan Gildark & Grant Cogswell. Der einzige Kinofilm auf meiner Liste. Ich habe mich mit ihm und seiner faszinierenden Entstehungsgeschichte hier in aller Ausführlichkeit beschäftigt.
  • H.P. Lovecraft's Dunwich Horror and Other Stories (2007) von Ryo Shinagawa.
  • The Music of Erich Zann (1980) von John Strysik. {Hier besprochen.}
  • Nyarlathotep (2001) von Christian Matzke.
  • The Shadow Out of Time (2012) von Richard Svensson & Daniel Lennée. {Svensson hat eine ganz Reihe wundervoll bizarrer Kurzfilme gedreht, z.T. basierend auf Gedichten von Lovecraft. Sie finden sich sämtlichst auf seinem Youtube-Kanal.}
  • Fyren - Keeper of the Light (2010) von Robert P. Olsson. Keine direkte Adaption einer Lovecraft-Story, aber eindeutig inspiriert vom Werk des alten Gentleman. {Hier besprochen.}
  • Behind (2015) von Kendy Ty. Gleichfalls keine Adaption, doch greift das gerade einmal fünf Minuten lange, minimalistische Werk die subtileren Elemente des lovecraftschen Grauens -- apokalyptische Angst, Gefühle von Verlorenheit und Hilflosigkeit -- auf sehr effektvolle Weise auf.
  • The Captured Bird (2012) von Jovanka Vuckovic. Selten wohl wurde cthulhuider Horror auf so poetische Weise eingefangen wie in diesem Kurzfilm.

Samstag, 7. April 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 6. April 2018

Mexikanischer Monsterspaß

Ich muss zugeben, dass die wunderlichen Gefilde des mexikanischen Genrefilms für mich noch weitgehend Terra Incognita darstellen. Ich bin mit den Aztec Mummy - Streifen vertraut und habe mich vor einigen Jahren auch einmal an der großartigen Bizzarrerie von Santa Claus vs The Devil (1959) erfreut. Doch sehr viel weiter reicht meine persönliche Bekanntschaft mit dieser Provinz des phantastischen B-Movies nicht.
Nun habe ich als kleines Ostergeschenk an mich selbst letzten Sonntag einen weiteren zaghaften Schritt getan, um diesen betrüblichen Zustand aufzubessern, und mir mit La Nave De Los Monstruos / The Ship of Monsters (1960) von Rogelio A. González einen Flick zu Gemüte geführt, der im Rufe steht, ein echter Schlock-Klassiker zu sein. Ich sollte nicht enttäuscht werden.



Ein recht beliebtes Subgenre des angloamerikanischen SciFi-B-Movies der 50er Jahre war der "Frauen aus dem Weltall" - Film, zu dem u.a. Cat-Women of the Moon (1953), Devil Girl from Mars (1954) und Fire Maidens from Outer Space (1956) gehörten. Zwar geht es nur in Devil Girl from Mars tatsächlich um eine Außerirdische, die sich zwecks Männerjagd auf die Erde begibt, doch ist es diese Variante, die auch in späteren Jahren immer mal wieder gerne aufgegriffen wurde. Wenn auch meistens ein wenig "tongue in cheek". Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, gibt es neben La Nave De Los Monstruos mindestens noch einen weiteren mexikanischen SciFi-Flick, der sich dieses Motivs bedient.
Allerdings verleihen José María Fernández Unsáin und Alfredo Varela, Jr. ihrer Story den einen oder anderen originellen Dreh, so dass das filmische Endprodukt zu einer völlig verrückten und ziemlich sympathischen Genre-Melange wird.

Dabei beginnt das Ganze recht traditionell. Die Herrscherin des Venus (Consuelo Frank) schickt Gamma (Ana Bertha Lepe) und Beta (Lorena Velázquez) auf eine interplanetarische Mission, um die vorzüglichsten männlichen Exemplare der Bewohnerschaft des Sonnensystems zu entführen und zwecks Fortpflanzung auf ihre ausschließlich von Frauen bevölkerte Heimatwelt zu bringen. Dass man in der Kostümabteilung Bade- und Raumanzüge durcheinander gebracht hat, ist gleichfalls noch nicht so erstaunlich. 
Interessanter wird es da schon, wenn unsere männerraubenden Raumfahrerinnen nicht etwa straks zur Erde fliegen, sondern erst einmal eine bizarre Kollektion monströser außerirdischer Männchen einsammeln und in Eisblöcken einfrieren, sowie den Roboter Torr aufgabeln, der zugleich eine wandelnde Enyklopädie ist, bevor sie durch einen Triebwerksschaden gezwungen werden, auf einem unbedeutenden "Planetoiden" notzulanden, der sich natürlich als die gute alte Terra entpuppt.
Es folgt die Einführung unseres männlichen Protagonisten Lauriano Gómez (Eulalio "Piporo" González). Der erweist sich nicht als der "manly man", den man vielleicht erwarten würde, sondern als singender Vaquero, liebenswerter Schwätzer und schamloser Lügenbold, der bei seinen Kumpels in der örtlichen Kneipe regelmäßig mit wüsten Geschichten über seine angeblichen Kämpfe gegen Banditen und Dinosaurier {!!} Eindruck zu schinden versucht.
Als er den beiden Alien-Ladies über den Weg läuft, sind diese sofort davon überzeugt, das hervorragendste männliche Exemplar der Erdbevölkerung gefunden zu haben. {Eine Einschätzung, die wir als Publikum nicht unbedingt teilen werden.} Und anders als die anderen Mitglieder der monströsen Menagerie, die die beiden bisher zusammengesammelt haben, scheint der Bursche sogar der selben Spezies anzugehören wie unsere Raumfahrerinnen. Lauriano seinerseits ist selbstverständlich nur zu gerne bereit, die beiden hübschen, aber {aus seiner Sicht unerklärlich} naiven Frauen in die Mysterien der Liebe einzuführen. Dabei hat es ihm Gamma besonders angetan.
Erwartungsgemäß enthält dieser Part des Filmes einige etwas peinliche Momente. Und selbstverständlich kann man von einem B-Movie der 50er Jahre nicht erwarten, frei von Sexismus zu sein -- erst recht nicht, wenn er diesem Subgenre angehört. Doch es hätte deutlich schlimmer kommen können. Alles in allem bewahrt sich La Nave De Los Monstruos bei aller sexuellen Augenzwinkerei eine merkwürdig sympathische Unschuld und Naivität.

Natürlich kommt es augenblicklich zu Eifersüchteleien unter den Ladies, was mich schlimmes befürchten ließ. Zwei Frauen, die um die Gunst eines Mannes buhlen? Auf so eine Story hatte ich nun wirklich keine Lust. Doch es dauerte nicht lang, bis diese Befürchtungen durch eine Szene beseitigt wurden, die mich in lautes und begeistertes Gelächter ausbrechen ließ. Denn kaum ist das erste große Geflirte zwischen Lauriano und den beiden über die Bühne, da entdeckt die herzensgute Gamma auch schon, dass ihre Kollegin in Wirklichkeit eine Vampirin ist! Kein Witz. Die Gute schlüpft in ein schwarzes Cape, saugt Menschen das Blut aus und macht sich flugs daran, zusammen mit den Monstermännern aus dem Raumschiff das Projekt "Eroberung der Weltherrschaft" anzugehen!
Und wie großartig-liebenswert-primitiv realisiert sind diese Puppen- und Stop Motion {?}- Monster: Der Zyklop Uk, das Spinnenungeheuer Utirr, der skelettöse Zok und der marsianische Prinz Tagual mit dem Riesenhirn, der Betas Skrupellosigkeit und Grausamkeit so bezaubernd findet, dass er ihr quasi einen Heiratsantrag stellt. Ich hätte es mir so gewünscht, dass die beiden am Ende gemeinsam auf den Mars fliegen, um dort in Liebe vereint in ihrer gemeinsamen Bösartigkeit schwelgen zu können!
Doch ein Happy End für Marsianer und Vampirladies wäre wohl selbst bei diesem verrückten Streifen zu viel verlangt gewesen. Und alles in allem sind Gamma, Lauriano, dessen kleiner Bruder Chuy (Heberto Dávila, Jr.) und Roboter Torr ja auch kein unsympathisches Team. Darum wollen wir ihnen ihren letztendlichen Sieg über Beta und ihre Monsterkumpanen ruhig gönnen. {Allerdings hatte ich das Gefühl, dass der Regisseur im Eifer des Drehs irgendwann den guten Zok vergessen haben muss. Jedenfalls kann ich mich nicht an das Ableben des putzigen Skelett-Ungeheuers erinnern}. Die Szene, in der Lauriano die böse Beta zu umgarnen versucht, um an den lebenswichtigen "Kontrollgürtel" zu gelangen, hätte noch einmal für Bauchgrimmen sorgen können, wenn González sie nicht für eine charmante kleine Gesangs- und Tanzeinlage genutzt hätte.
Und ja, in La Nave De Los Monstruos wird eine Menge gesungen {einmal geht der Film sogar so weit, im Hintergrund einen Gitarrenspieler auftreten zu lassen}, und so wundert es nicht, dass auch die Schlussszene eine kleine Musiknummer ist. Und was für eine! Gamma bleibt natürlich auf der Erde bei ihrem Lauriano. Roboter Torr startet das Raumschiff, um zur Venus zurückzufliegen. Doch er ist nicht allein. Auch er hat auf der Erde die wahre Liebe gefunden: Laurianos Jukebox! Und während die beiden in den Weltraum düsen, stimmen sie gemeinsam ein Liebesduett an!

Niemand wird behaupten wollen, La Nave De Los Monstruos sei ein guter Film. Die Story ist hanebüchen, die Trickeffekte äußerst primtiv, und auch der {bewusste} Humor ist höchstens für das eine oder andere Grinsen gut. Doch alle Freundinnen und Freunde bizarren Trashs werden ihren Heidenspaß mit diesem Flick haben. Mir jedenfalls hat er einen äußerst unterhaltsamen Ostersonntag beschert.

Samstag, 31. März 2018

Strandgut der Woche

Mittwoch, 28. März 2018

Stumm & Phantastisch (1): "Himmelskibet"

Letzten Monat konnten wir den einhundertsten Geburtstag eines Filmes feiern, der manchmal als der erste Space Opera - Streifen der Geschichte bezeichnet wird. Grund genug, eine alte Idee wieder aufzugreifen und mich auf meinem Blog einmal der Phantastik der Stummfilmära zuzuwenden. Ob daraus mehr werden wird als dieser vereinzelte Beitrag, bleibt abzuwarten. Angesichts der Tatsache, dass ich bisher nur eine einzige meiner vollmundig angekündigten Blogpost - Reihen* tatsächlich zum Abschluss gebracht habe, sollte ich wohl endlich damit anfangen, mich in dieser Hinsicht etwas zurückzuhalten. Trotzdem gebe ich diesem Post den Titel "Stumm & Phantastisch (1)", in der Hoffnung, dass es irgendwann auch ein (2) oder (3) geben wird. Heute jedenfalls wollen wir uns dem dänischen Science Fiction - Streifen Himmelskibet (Das Himmelsschiff) zuwenden, der am 22. Februar 1918 im heimatlichen Kopenhagen das Licht der Kinowelt erblickte.

Der SciFi-Film selbst ist natürlich deutlich älter. Ich verweise da bloß auf George Méliès' von Jules Verne und H.G. Wells inspirierten Le Voyage Dans La Lune (1902), aus dem das ikonische Bild des von einem Projektil ins Auge getroffenen Mondgesichtes stammt und der rasch zu so großer Berühmtheit gelangte, dass Segundo de Chomón bloß sechs Jahre später mit Excursion En La Luna ein wirklich schamloses Rip-off {oder Reboot?} kreierte, das das Original bis in einzelne Szenen hinein kopiert. {Und doch seinen eigenen Charme besitzt. Von dem möglichen antikolonialistischen Subtext findet sich hier zwar nichts mehr, doch dafür können wir uns an dem bezaubernden Auftritt eines kleinen Mondballetts erfreuen.}**

Dass Dänemark zu den führenden filmproduzierenden Nationen der Ära vor dem 1. Weltkrieg gehörte, dürfte den meisten heute wahrscheinlich eher unbekannt sein. Weniger überraschend ist dann vermutlich, dass die von Ole Olsens 1906 gegründetem Unternehmen Nordisk Film dominierte dänische Filmindustrie jener Zeit in erster Linie vom Export lebte. Der Kriegsausbruch bereitete jedoch nicht von vornherein Probleme. Vielmehr bemühte sich Nordisk in den ersten Jahren mit einigem Erfolg darum, den deutschen Markt zu erobern, von dem der große Rivale Pathé nun verbannt war. Doch spätestens 1917 ging es endgültig abwärts. Staatliche Maßnahmen hatten die Firma inzwischen aus Deutschland verdrängt und nun brach mit der Revolution auch der russische Markt zusammen. Die Blütezeit der frühen dänischen Filmindustrie war unwiderruflich zuende. Dennoch gelang es Nordisk ein Jahr später mit Himmelskibet noch rasch, sich  einen fetten Eintrag in die Annalen des Science Fiction - Films zu verdienen.*** Auch wenn die Bezeichnung "erste Space Opera" schon etwas irreführend ist, wie wir gleich sehen werden.

Inspiriert von den visionären Ideen seines Vaters Professor Planetaros (Nicolai Neiiendam) macht sich der stets zu neuen Abenteuern bereite Avanti Planetaros (Gunnar Tolnæs) daran, einen bemannten Raumflug zum Mars auf die Beine zu stellen. Dabei steht ihm sein enger Freund Dr. Krafft (Alf Blütecher), der außerdem eine keusch-leidenschaftliche Liebesbeziehung zu Avantis Schwester Corona (Zanny Petersen) unterhält, als engster Mitstreiter zur Seite. Trotz der gehässigen Versuche des missgünstigen Professors Dubius (Frederik Jacobsen), das Projekt öffentlich lächerlich zu machen, gelingt es den beiden innerhalb eines Jahres, das Raumschiff Excelsior -- das eher einem sympathisch schmerbäuchigen Flugzeug ähnelt -- zu konstruieren und eine Mannschaft für ihre Expedition zu rekrutieren. Selbige ist erstaunlich multinational. Neben dem {leider trunksüchtigen} Amerikaner David Dane (Svend Kornbeck) gehört auch ein äußerst ehrenhafter Vertreter "des Ostens" zur Crew, unter dem wir uns vermutlich einen Chinesen oder Japaner vorstellen sollen, auch wenn der Schauspieler nicht im Entferntesten etwas Asiatisches an sich hat.

Zusammen mit der angenehmen Abwesenheit jedweden patriotischen Traras, an dessen Stelle das Beschwören eines universalen Menschheitsideals tritt, deutet dies bereits darauf hin, dass wir es nicht mit der typischen Weltraumforschersaga zu tun haben. Na ja, die ulkigen Namen sind natürlich auch ein Hint.
Als Himmelskibet gedreht wurde, befand sich Europa im vierten Jahr des großen Völkergemetzels, dem zu diesem Zeitpunkt Millionen zum Opfer gefallen waren und das ganze Landstriche in öde Wüsteneien verwandelt hatte. Vor diesem Hintergrund wollten Ole Olsen und der Schriftsteller Sophus Michaëlis, die zusammen für das Drehbuch verantwortlich waren, mit ihrem SciFi - Film offenbar einen Appell für Frieden und Völkerverbüderung auf die Leinwand bringen. Ein ehrenwertes Anliegen, das jedoch nicht notwendigerweise zu einem gelungenen Film führen musste.

Dem anzitierten Vorbild Kolumbus entsprechend kommt es während des Marsflugs beinah zu einer Meuterei auf der Excelsior, bei der sich Dane als Haupträdelsführer und der "Asiate" als einzig vertrauenswürdiger Kamerad unserer Helden erweist. Doch bevor offene Gewalttätigkeiten ausbrechen, sorgen die Marsianer mit ihrer überlegenen Technik dafür, dass das Erdenschiff früher als geplant auf dem roten Planeten ankommt.
Traditionellerweise gilt Mars natürlich als Planet des Kriegsgottes. Und angesichts des metaphorischen Charakters von Himmelskibet ist es sicher kein Zufall, dass sich unsere mutigen Forscher gerade diesen Himmelskörper als Ziel ausgesucht haben.**** Was sie dort erwartet, ist jedoch das genaue Gegenteil: Ein pazifistisches Paradies, bevölkert von weisen Vegetariern in weißen Roben und Gewändern.
Sich Gedanken über das klügste Vorgehen bei einem Erstkontakt zu machen, gehörte offenbar nicht zu Avantis Expeditionsvorbereitungen, denn um zu demonstrieren, wie wir Erdlinge an unser Essen kommen, zieht er rasch seine Pistole und schießt eine Gans vom Himmel. Als wie zu erwarten ein Tumult unter den geschockten Marsianern ausbricht, schleudert der stumpfsinnige Dane auch noch eine Handgranate in die aufgebrachte Menge. Unsere Helden haben verdammtes Glück, dass die sanftmütigen Marsbewohner in ihrer Gesellschaft das Konzept von "Strafe" schon vor langem abgeschafft haben. Statt wegen versuchten Totschlags vor Gericht gestellt zu werden, gibt man ihnen eine Lektion über die Unsinnigkeit von Gewalt. Nach ihrer mirakulös raschen Bekehrung zu Love & Peace werden die Raumfahrer in die weißen "Mäntel  der Unschuld" gekleidet und dürfen sich in aller Ruhe an der arkadischen Schönheit des Mars erfreuen.
Wie sich's gehört verliebt sich Avanti natürlich sofort in eine marsianische Schönheit (Lilly Jacobson), was uns die Gelegenheit gibt, solch poetisch benamste Orte wie den "Baum des Verlangens" und den "Wald der Liebe" kennenzulernen.
Daheim auf der Erde geht es dem alten Professor Planetaros und Corona allerdings weit weniger gut, müssen sie doch fürchten, dass ihre Liebsten für immer im All verschollen sind. Die ewigen Sticheleien des fiesen Dubius helfen da auch nicht grade. 
Schließlich drängt Dr. Krafft zur Rückkehr. Die Sehnsucht nach seiner geliebten Corona ist einfach zu stark. Gemeinsam mit Avantis marsianischer Angetrauten macht sich die Crew der Excelsior auf den Rückflug, um der Menschheit die Botschaft von Liebe, Frieden und Völkerverbrüderung zu bringen.

Himmelskibet ist zweifelsohne fürchterlich naiv. Vergegenwärtigen wir uns kurz den historischen Kontext: Wenige Monate zuvor war in Russland die Oktoberrevolution ausgebrochen. Die Bolschewiki hatten nach ihrer Machtergreifung umgehend die Völker aller kriegsführenden Nationen zum Abschluss eines demokratischen Friedens aufgerufen, "ohne Annexionen und Wiedergutmachungen, auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker". Sie nutzten die Friedensverhandlungen mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk als Plattform, um diesem Aufruf weltweit Gehör zu verschaffen. Daraufhin war es im Januar erst in Wien, dann in Berlin zu gewaltigen Streiks gekommen, an denen sich Hunderttausende beteiligten. An der Spitze der Forderungen der Arbeiter und Arbeiterinnen hatte der Ruf nach einem demokratischen Frieden gestanden. In Österreich-Ungarn war es sogar bereits zur Bildung erster Arbeiterräte gekommen. Staatliche Repressionen und die verräterische Politik der Sozialdemokraten***** hatten die Bewegung vorerst abgewürgt. In der selben Woche, in der Himmelskibet in die dänischen Kinos kam, begannen die Armeen der Mittelmächte ihren Vormarsch in die Ukraine und das Baltikum, nachdem die Verhandlungen in Brest-Litowsk abgebrochen worden waren.
Zu glauben, ein simpler Appell an das Gute im Menschen und die Macht der Liebe könnte ausreichend sein, um die Welt vom Krieg zu befreien, musste angesichts dieser heftigen Kämpfe selbst aus Perspektive des neutralen Dänemark ziemlich absurd wirken.
Interessanterweise verweist Himmelskibet nie direkt auf den Weltkrieg, auch wenn der Film ganz ohne Zweifel als eine Reaktion auf diesen verstanden werden muss. Vielleicht schreckten Ole Olsen und Sophus Michaëlis davor zurück, ganz direkt politisch Stellung zu beziehen. Wer weiß? Wenn dem friedvollen Idyll des Mars die "böse Erde" entgegengestellt wird, bekommen wir jedenfalls keine Bilder von Schützengräben und dem granatenzerfurchten Niemandsland zu sehen, sondern Szenen von nächtlich-mondänen Parties. Was die mit Gewalt zu tun haben sollen, ist zwar nicht so ganz klar, doch verweisen sie recht deutlich darauf, dass der Pazifismus von Himmelskibet auf einer christlich-protestantischen Grundlage basiert. Der Krieg ist bloß ein weiteres Beispiel für "sündiges Verhalten", ganz so wie der übermäßige Genuss von Alkohol {nicht zufällig ist David Dane ein Säufer}. Mehr als einmal sinken unsere Helden zum Gebet auf die Knie, und in der utopischen Marsgesellschaft zelebriert man den "Tanz der Keuschheit". Die weisen Marsianer in ihren mit dem Ankh verzierten Roben haben zwar etwas leicht theosophisches, vielleicht auch freimaurerisches an sich, aber das scheint mir nicht dem protestantischen Grundton zu widersprechen. Derselbe erklärt vielleicht auch, warum Professor Dubius ein so alttestamentarisches Ende findet und vom Blitz erschlagen wird {dabei hatte er doch eigentlich nichts schlimmeres getan als gehässige Reden zu schwingen}.

Dennoch bleibt Himmelskibet aufgrund seiner pazifistisch-humanistischen Message ein durchaus sympathischer Streifen. Und auch wenn es ihm ein wenig an Dynmaik und echten Konflikten mangelt, gibt es doch genug Gründe, warum Freundinnen & Freunde des SciFi-Films ihn sich bei Gelegenheit einmal anschauen sollten. Hauptdarsteller Gunnar Tolnæs mag ein wenig sehr zu theatralischen Gesten neigen, aber daran gewöhnt man sich nach einiger Zeit. Die Excelsior ist ein wirklich putziges Raumschiff, eine Art geflügelter Kleinbus, dessen Inneres bloß ein wenig zu geräumig erscheint, und so immer noch etwas von der klaustrophobischen Atmosphäre einer realen Weltraumexpedition an sich hat. Regisseur Holger-Madsen und Kameramann Louis Larsen verstanden ihr Handwerk sehr gut und erfreuen uns sowohl mit als düstere Silhouetten gestalteten Szenen von der Erde als auch mit hübsch-romantischen Landschaftsbildern vom Mars.

        


* Diese glorreiche Ausnahme ist "Vampire in Amerika", in der ich mich mit einigen amerikanischen Vampirfilmen der 70er Jahre beschäftige: Teil 1 * 2 * 3 * 4 * 5 * 6 * 7 * 8
** Ich verweise alle Interessierten auf Fritzi Kramers Besprechungen der beiden Filme: Méliès / Chomón. Nebenbei bemerkt verdanke ich meine Bekanntschaft mit Himmelskibet gleichfalls der wundervollen Fritzi, deren eigenen Beitrag zu dem Streifen man hier auf ihrem Blog Movies Silently findet.
*** Ein Genre, zu dem die Dänen übrigens erst vierundvierzig Jahre später mit dem Schlock-Klassiker Reptilicus (1962) zurückkehren sollten. Der wäre auch mal einen Blogpost wert ...
**** Freilich hatte der Film zuvor bereits eine weitere symbolische Dimension eingeführt. Auf Dantes Divina Comedia Bezug nehmend, in der die Marssphäre den Himmel der Märtyrer bildet, war Mars als der Leitstern jener bezeichnet worden, die zur Erreichung eines edlen Ziels bereit sind, die größten Opfer zu bringen.
***** Friedrich Ebert in einer Rede an die Streikenden: "It is the duty of the workers to support their brothers and fathers who are at the front and to make the best possible weapons for them ... as the English and French workers are doing for their brothers at the front in their working hours ... Victory is the dearest wish of all Germans." (Zit. nach: Pierre Broué: The German Revolution 1917-1923. S. 107.) 

Samstag, 24. März 2018

Strandgut der Woche(n)

    Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich ein Strandgut habe ausfallen lassen, aber ich war für eine Woche im Urlaub. Nichts großartiges, aber es war sehr schön. 
    Nachdem ich nun heute in meine Heimatbasis zurückgekehrt bin, habe ich rasch versucht, eine Liste dessen zusammenzustellen, was in den letzten vierzehn Tagen hier so angespült wurde.
     

    Montag, 19. März 2018

    Notizen von unterwegs

    Was macht man, wenn man sich zu einem kleinen Urlaub in eine Stadt abgesetzt hat, die man im Grunde gar nicht kennt, in dem naiven Glauben, man werde schon irgendwie Ablenkung und Unterhaltung finden?
    Na ja, wenn der Abend zu kalt ist, um einfach durch die Gegend zu streifen und sich überraschen zu lassen, erscheint das um die Ecke gelegene Kino eigentlich als eine gute Alternative, oder? Wobei ich wohl hinzufügen sollte, dass es in meiner heimatlichen Waldeinsamkeit keine Lichtspielhäuser gibt*, ein Kinobesuch für mich also nicht *ganz* so banal ist, wie das anderen vielleicht vorkommen mag. Doch leider war die Auswahl an Filmen nicht gar so üppig, weshalb ich schließlich in Maria Magdalena gelandet bin.

    Vielleicht sollte ich ein paar Worte über mein Verhältnis zu Bibelfilmen im Allgemeinen vorausschicken.

    Ich bin christlich-katholisch aufgewachsen. Meine Eltern waren ziemlich fromm, in einem durchaus traditionellen Sinne. Beengt oder unterdrückt habe ich mich dadurch aber eigentlich nie gefühlt. Meine spätere Abwendung von der Religion hatte nur wenig mit einer Rebellion gegen das Elternhaus zu tun. Für einige Zeit gehörte der sonntägliche Gottesdienstbesuch zu meiner ganz normalen Wochenroutine, ohne dass ich je dazu gezwungen worden wäre. Mit 14/15 war ich vielmehr selbst zimelich gläubig, wenn auch wohl schon damals nicht im streng "orthodoxen" Sinne. Wenig später folgte eine relativ kurze Phase der religiösen Suche und des "Ausprobierens" {wenn es gestattet ist, hierfür einen so vulgären Ausdruck zu verwenden}, über die ich jetzt aber nichts weiter erzählen will. Mit 17/18 schließlich wurde ich zu dem überzeugten Atheisten und Materialisten, der ich bis heute geblieben bin.

    Eine Faszination für Religionen hat sich freilich auch später erhalten. Und das nicht nur in einem "historischen" Sinn {auch wenn ich Religionsgeschichte ungemein spannend finde}. 
    Alle religiösen Lehren und Mythen waren irgendwann einmal Ausdruck sehr starker kollektiver Empfindungen. Und ganz so wie manche z.T. uralte Kunstwerke, können uns auch einige von ihnen selbst heute noch auf einer emotionalen Ebene berühren, weil wir die ihnen zu Grunde liegenden Gefühle, Ängste, Hoffnungen usw. nach wie vor in uns tragen.

    Was nun Bibelfilme angeht, so gestehe ich gerne, dass ich eine große Schwäche für die Monumentalschinken der 50er/60er Jahre à la Quo Vadis? (1951), Das Gewand (1953), König der Könige (1961) oder Die größte Geschichte aller Zeiten (1965) habe. Auch empfinde ich eine Menge Sympathie für den großen Cecil B. De Mille (Die zehn Gebote [1923 und 1956]). Der gute Mann liebte prächtigen Schlock ebenso sehr wie er die Bibel verehrte, und es ist genau diese Mischung aus Kitsch und Ernsthaftigkeit, die ich so anziehend finde. 
    Darüberhinaus findet sich in vielen dieser alten Streifen ein Element der Auflehnung gegen Tyrannei und Ungerechtigkeit. Das frühe Christentum erscheint in ihnen für gewöhnlich als eine Bewegung der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Inwieweit dieses Bild der historischen Wirklichkeit entspricht, sei jetzt mal dahin gestellt. Und natürlich sind diese farbenfrohen Epen nicht eben subtil oder tiefgründig, wenn es um dieses Motiv geht. {Sie sind es eigentlich nirgendwo.} Aber dennoch trägt auch dies zu dem Charme bei, den diese alten Schinken für mich haben.
    Nicht unerwähnt bleiben darf außerdem Pier Paolo Pasolinis Matthäusevangelium (1964), der nun freilich in eine ganz andere Kategorie von Film gehört. Unter den Adaptionen biblischer Stoffe bleibt das Werk des großen italienischen Regisseurs in seiner poetischen Kraft und Humanität für mich bis heute unübertroffen.
    Mit neueren Bibelfilmen habe ich es allerdings nicht so. Martin Scorseses Letzte Versuchung Christi (1988) hab' ich seinerzeit im Kino gesehen, aber außer dem Trara, den der Streifen damals auslöste {yep, da waren tatsächlich protestierende Fromme am Eingang}, ist bei mir wenig im Gedächtnis hängengeblieben. Auf Mel Gibsons fundamentalistische Folterorgie The Passion of the Christ (2004) habe ich dankend verzichtet. Und leider hat auch Maria Magdalena diesen Trend nicht ändern können.

    Man wäre vielleicht versucht zu glauben, dass ein Film, der Maria aus Magdala zur Heldin hat, beinah automatisch irgendwie ein bisschen subversiv sein müsste. Doch leider ist dem ganz und gar nicht der Fall. Vielmehr ist die Botschaft des Streifens alles in allem äußerst konventionell. Nichts, was wir zu sehen oder zu hören bekommen, ist irgendwie neu oder provokant.
    Für die erste halbe Stunde erzählt der Film ungefähr die Geschichte, die man erwarten konnte.
    Maria ist eine selbstbewusste junge Frau, die nicht bereit ist, sich in die Rolle der gehorsamen Tochter und künftigen Ehefrau und Mutter zu fügen. Als sie sich weigert, den von ihrer Familie ausgesuchten Mann zu heiraten und damit "Schande" über ihre Sippe bringt, erklären ihre männlichen Verwandten sie zu einer von Dämonen Besessenen und unterziehen sie einem grausamen "Exorzismus", der als eine pervertierte Form eines Taufrituals erscheint. Als auch dies nicht zu fruchten scheint, ruft man den Wanderprediger Jesus herbei, dem der Ruf eines Wundertäters vorausgeht. Dieser erkennt natürlich sofort, dass er es nicht mit einer Besssenen zu tun hat. Gegen den ausdrücklichen Befehl ihrer Familie schließt sich Maria Magdalena dem charismatischen Rabbi an. Petrus erhebt zwar Einspruch gegen die Aufnahme der jungen Frau in die Gemeinschaft der Jünger, da dies ihren Ruf schädigen könnte, doch es dauert nicht lange und Maria wird zur engsten Vertrauten Jesu.
    All das ist nicht wirklich welterschütternd, gibt aber auch keinen Anlass für Kritik. Doch dann verrückt sich sehr deutlich die inhaltliche Achse des Films. Um das Aufbegehren gegen eine patriarchalische Ordnung geht es im Weiteren kaum mehr. Ins Zentrum rückt ein völlig anderes Thema.
    Die männlichen Apostel sind allesamt überzeugt davon, dass das von ihrem Rabbi verkündete Königreich Gottes ein irdisches Reich der Freiheit und Gerechtigkeit sein werde, dessen Errichtung durch einen bewaffneten Volkaufstand gegen die römische Fremdherrschaft eingeleitet werden müsse. Sie sehen es deshalb als ihre eigentliche Aufgabe, Kämpfer für diese Revolution zu rekrutieren. Einzig Maria hält dies von Beginn an für ein Missverständnis. Sie will kein "Soldat" sein.
    Als sich die Gemeinschaft zum Pessachfest nach Jerusalem aufmacht, glaubt Petrus, der Zeitpunkt des Kampfes sei gekommen. Er und die übrigen Apostel sehen in Jesu Vertreibung der Händler aus dem Tempel den Startschuss für den allgemeinen Aufstand. Doch wie wir alle wissen, kommt es natürlich ganz anders. Der anschließende Verrat des Judas wird als Versuch interpretiert, Jesus doch noch zur messianisch-revolutionären Machtergreifung zu zwingen. Keine wirklich neue Idee. Auch hätte sie meiner Ansicht nach besser funktioniert, wenn der "Verräter" aus reinem eschatologischen Fanatismus handeln würde, und nicht, weil er seine verstorbene Frau und Tochter im Zuge der erhofften Auferstehung der Toten zurückbekommen will.**
    In der finalen Konfrontation zwischen Maria Magdalena und Petrus kommt der eigenartige Doppelcharakter des Streifens noch einmal sehr schön zum Ausdruck. Maria ist soeben als Erste dem Auferstandenen begegnet. Doch die frohe Botschaft stößt bei den Männern auf Unglauben. Petrus wird dabei zur metaphorischen Verkörperung der künftigen Kirche, die die Frau zum Schweigen verurteilt. Dazu passt jedoch nicht wirklich, dass es in der Auseinandersetzung zugleich noch einmal um den Charakter des Gottesreiches geht. Maria erklärt, das Reich sei angebrochen, denn es lebe "in ihnen". Dem hält Petrus entgegen, das die Welt nicht besser geworden sei, die Leidenden sind nicht erlöst, die Sklaven nicht befreit, die Hungernden nicht gesättigt.

    Glaubte der historische Jesus von Nazareth an den unmittelbar bevorstehenden Anbruch eines messianischen Friedensreiches auf Erden? Wer könnte das mit Gewissheit sagen. Sicher ist jedoch, dass die ersten Christen daran glaubten. Erst als das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Imperiums wurde, machten sich Leute wie Augustinus daran, die Lehre vom 1000jährigen Reich endgültig zu einer bloßen Metapher zu erklären. 
    Aber selbstverständlich macht es wenig Sinn, einen Bibelfilm auf seine historische Authentizität hin zu hinterfragen.** Noch keiner von ihnen hat versucht, ein realistisches Bild dessen zu zeichnen, was sich unter der Statthalterschaft von Pontius Pilatus in Judäa abgespielt haben könnte. Darin besteht nicht der Sinn dieser Art von Filmen. Sie wollen eine Botschaft für heute vermitteln.
    Doch gerade unter diesem Blickwinkel betrachtet wirkt Maria Magdalena fast schon perfide. Der Film nutzt einen vermeintlich "feministischen" Ansatz, um eine im Kern extrem konservative Message rüberzubringen. Die Ideen von Revolution und aktivem Widerstand gegen Unterdrückung und Tyrannei, das Verlangen, die reale, materielle Welt gerechter gestalten zu wollen, werden als Ausdruck "männlicher" Aggressivität und Arroganz diffamiert. Und mit dem Munde Maria Magdalenas wird uns die quietistische Lehre vom "Nicht-Widerstehen-dem-Übel", von der inneren moralischen Reinigung des Einzelnen als der Weg zum Heil {und wohl irgendwie auch zu einer besseren Welt} gepredigt.
    So gesehen passt es ganz ausgezeichnet, dass der Streifen mit der Erklärung ausklingt, dass der Vatikan 2016 entschieden habe, Maria Magdalena in den Rang einer "Apostolin der Apostel" zu erheben. In der Tat passt er sehr gut zu der kosmetischen Auffrischung, die der reaktionäre Dinosaurier Katholische Kirche unter dem Pontifikat von Franziskus (Jorge Mario Bergoglio) erfahren hat. Man gibt sich einen "progressiven" Anschein, doch predigt weiter die alten Ideen.

    PS: Seit diesem etwas missglückten Kinobesuch habe ich u.a. Käthe Kollwitz' Zyklen Ein Weberaufstand und Der Bauernkrieg im Original gesehen, sowie Ziegen, Schafe und Esel gefüttert. Es geht aufwärts!



    * Es gab mal eins im Nachbardorf, aber das ist schon seit langem aufgegeben und beherbergt inzwischen ein türkisches Café. Auch nett, aber halt nicht wirklich ein Ersatz ...
    ** Allerdings war der letzte Abschied zwischen Maria und Judas am Tage nach der Kreuzigung eine der wenigen Szenen des Filmes, die ich irgendwie berührend fand.
    *** Etwas irritiert hat mich aber trotzdem, dass Jesus und seine Jünger Taufrituale durchführen, denn in dieser Frage sind sich die Evangelien einig: Jesus wurde zwar von Johannes getauft und erteilt den Jüngern nach seiner Auferstehung den Auftrag zur Taufe, doch der Nazarener selbst tauft nicht.