"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 25. März 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 24. März 2017

Hitze, Dreck, Blut und verlorene Hoffnungen

Ich habe vor einiger Zeit begonnen, zum zweiten Mal K.J. Bishops faszinierenden Roman The Etched City zu lesen. Das 2003 erschienene Werk der australischen Schriftstellerin und Bildhauerin wird häufig als "dekadent" oder "neo-dekadent" beschrieben. Und in der Tat ist der Einfluss der literarischen Décadence deutlich zu spüren – nicht zufällig ist der Erzählung ein Zitat von Lautréamont vorangestellt. Doch auf diesen Aspekt möchte ich heute gar nicht weiter eingehen. Vielleicht werde ich das, wenn ich nach Abschluss meiner Lektüre – hoffentlich – eine ausführlichere Besprechung von The Etched City vorlegen kann. Im Moment will ich mich mit einer ganz anderen Inspirationsquelle beschäftigen, deren Einfluss im Eröffnungsteil des Romans sehr deutlich zu erkennen ist. 

In einem auf Strange Horizons veröffentlichten Interview hat die Autorin selbst einmal erklärt:
Films that influenced this particular book were Westerns and gangster movies. From those two genres, it's hard to pick specific films, but certainly the Fistful of Dollars trilogy, and a little-known Yul Brynner film called Invitation to a Gunfighter, where Brynner plays a suave, piano-playing gunslinger with a French name that he has to write on a blackboard for the townsfolk.*
Und tatsächlich sind die ersten fünfzig Seiten von The Etched City ohne das Vorbild des Spaghetti-Westerns kaum vorstellbar. Sie bilden eine Art Prolog zum Hauptteil der Handlung, welcher in der Metropole Ashamoil an den Ufern des Flusses Skamander angesiedelt ist. Im denbar krassesten Gegensatz dazu befinden wir uns im Eröffnungsteil in der hitzedurchfluteten Wüstenlandschaft des Copper Country – von K.J. Bishop selbst einmal als "a mixture of outback Australia and Morocco, via Sergio Leone" beschrieben. Wenn die umherwandernde Ärztin Raule ihren alten Kriegskameraden, den Revolverhelden Gwynn, wiedertrifft, während dieser gerade in einem heruntergekommenen Saloon mit einer Gruppe wenig vertrauenserweckender Burschen Karten spielt, derweil der Besitzer des Etablissements tot hinter dem Tresen liegt, wirkt dies in der Tat wie eine Szene aus einem Streifen von Leone oder Corbucci. Und natürlich endet sie mit einer Schießerei und einem Haufen weiterer Leichen. Aber es ist nicht bloß das Setting und einzelne Handlungselemente, die an den Italo-Western erinnern, sondern die allgemeine Stimmung des ersten Handlungsteils – ein Gefühl von tiefer Demoralisation und Orientierungslosigkeit, die stets drohen, in Fatalismus oder Zynismus überzugehen.

Raule und Gwynn haben beide in den Reihen einer revolutionären Armee gekämpft. Wir erfahren wenig genaues über diese Revolution, bloß dass sie nicht von Erfolg gekrönt war, und die überlebenden Ex-Revolutionäre noch nach Jahren von General Anforths "Army of Heroes"gejagt werden.   
The revolutionaries had initially enjoyed popular support, but as the war dragged on, conditions inevitably became hungry and dangerous, and the wind of opinion changed. The people began looking to the Army of Heroes to restore the status quo and peace. The revolutionaries found themselves suddenly unwanted, and when it was all over they found themselves wanted in the wrong way. For the sake of survival many companies turned to banditry. Raule's was one such. By that stage Gwynn had become their leader. For a wild couple of years they lived as highway pirates in the comparatively populous north of the Copper Country, robbing banks and trains to support a prodigal lifestyle, while still fighting the army wherever they encountered them. But the will of the people prevailed. Aided by General Anforth, the towns formed militias, and from then on the wages of crime came less in gold and more in lead. Former fellows turned coat in droves, becoming informers and bounty hunters. The proud and the mad, and those who were simply unable to think of anything else to do, marauded there way into shallow graves. 
Diese Schilderung lässt an das Schicksal vieler südamerikanischer Guerillabewegungen denken, die sich am Vorbild von Fidel Castro und Che Guevara orientierten und sich am Ende sämtlichst als blutige Sackgassen entpuppten und nicht selten gleichfalls zu simplem Brigantentum degenierten  Zugleich weckt dieser Hintergrund unserer beiden Protagonisten aber auch erneut Assoziationen zur Welt des Italo-Westerns.
Deutlicher als vielleicht jede andere Erscheinungsform des italienischen Genrefilms war der Spaghetti-Western – zumindest in seinen besten Vertretern – Ausdruck ganz bestimmter historischer Entwicklungen. Kurz gesagt spiegelt sich in ihm die zunehmende Demoralisierung einer linken Intelligenzija wider, die dabei ist, den Glauben an eine mögliche positive Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu verlieren, und darauf mit einer Mischung aus Wut, Verzweifelung und zunehmendem Zynismus reagiert. Wie Sergio Leone selbst es später einmal ausgedrückt hat: " 'When I was young, I believed in three things: Marxism, the redemptive power of cinema, and dynamite. Now I just believe in dynamite." Es würde zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle versuchen, den Gründen für diese Entwicklung nachzugehen. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass die Geburt des Spaghetti-Westerns den Ereignissen des Heißen Herbstes von 1969 vorausgeht. Das Scheitern der mit Studentenrevolte und Massenstreikbewegung verbundenen revolutionären Hoffnungen hat den Pessimismus der linken Künstler sicher noch einmal verstärkt, und ein Film wie Leones Giù la testa / Duck, You Sucker! / A Fistful of Dynamite (1972) muss ohne Frage auch als eine Reaktion auf die Ereignisse von 1969 gesehen werden. Doch die Wurzeln für die wachsende Verzweifelung reichen sehr viel weiter zurück und können nur im Zusammenhang mit der verheerenden Rolle verstanden werden, die die stalinistische KP in Italiens Geschichte gespielt hat.
Wie dem auch sei, auf jedenfall verbinden die besten Vertreter des Spaghetti-Westerns ehrliche Sympathie für die Unterdrückten und Ausgebeuteten und ebenso ehrlichen Hass auf die Reichen und Mächtigen mit einem offenbar tief empfundenen Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das sich als illusionsloser Realismus zu tarnen versucht, dabei jedoch immer wieder in simplen Zynismus abzugleiten droht.

Es ist diese Grundstimmung verlorener Hoffnungen, die K.J. Bishop im Eröffnungsteil von The Etched City aufgreift. Die Geschichte wird in diesen ersten fünfzig Seiten ganz aus Raules Perspektive erzählt. Wir wissen deshalb nicht, was wirklich in Gwynn vorgeht, doch tritt er uns als vollendeter Zyniker entgegen, der nur noch an seinen eigenen Vorteil {und sein Überleben} denkt. Allerdings gibt es wenigstens eine Szene, die anzudeuten scheint, dass auch seine Gefühle und Motive sehr viel komplexer sind {und ein Piano spielt dabei eine wichtige Rolle!}. Raule ihrerseits ist ganz die desillusionierte Idealistin, die zwar nicht mehr wirklich an ihre alten Ideale zu glauben vermag, diese aber auch nicht gänzlich aufzugeben bereit ist, weil ihr Leben andernfalls keinen Inhalt mehr hätte. Beide wirken wie verlorene, orientierungslose Wanderer – und dass nicht nur in der Ödnis des Copper Country. .
              

* Bemerkung am Rande: Wer Invitation to a Gunfighter tatsächlich noch nicht kennt, sollte dies bald möglichst korrigieren! Ein intelligenter und subversiver Western, der sich u.a. mit Rassismus und kleinbürgerlicher Heuchelei auseinandersetzt.

Montag, 20. März 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E06: "Seek Locate Destroy"

Die erste viertel Stunde dieser Episode kann als eine Art Test dienen. Wer mit ihren Eigenheiten klar kommt, besitzt eine gute Chance, sich mit Blake's 7 anfreunden zu können. Wem dies nicht möglich ist, wird vermutlich keinen Zugang zu der Serie finden. Ja, das Kostümdesign jener Zeit war etwas eigenwillig. Und ja, nach den ersten beiden Episoden bestand das Budget für den Rest der ersten Staffel mehr oder weniger aus dem Inhalt der BBC-eigenen Kaffeekasse. Die Kommunikationsbasis der Föderation, in die unsere Helden eindringen, um eine Chiffriermaschine zu entweden, wird einmal mehr von irgendeiner ordinären englischen Industrieanlage repräsentiert, bei der es sich vermutlich sogar um dieselbe handelt, die wir schon in Time Squad zu sehen bekommen haben. Das einzige "futuristische" Element ist ein Wache schiebender Roboter, der aussieht wie ein zu groß geratenes Kinderspielzeug und entprechend wenig bedrohlich rüberkommt, auch dann, wenn er seinen neckischen kleinen Flammenwerfer zum Einsatz bringt.

Doch gehen wir einmal davon aus, dass uns derlei 70er Jahre - Low Budget - TV - Merkwürdigkeiten nicht abschrecken können.

Auch wenn sich Blake & Co bei ihrer Überfallsaktion nicht immer besonders geschickt anstellen, dürfen dabei doch alle Mitglieder des Teams ihre besonderen Talente unter Beweis stellen.
Mit Ausnahme von Jenna, die auf der "Liberator" bleibt, um den Transporter zu bedienen. Was sich vielleicht damit entschuldigen ließe, dass sie die Pilotin ist. Ein leider etwas undankbarer Job, da es Blake's 7 aus finanziellen Gründen unmöglich war, irgendwelche coolen Raumgefechte auf den Bildschirm zu zaubern, bei denen sie hätte glänzen können.
Bleibt der Rest der Crew: Vila zeigt erneut seine Geschicklichkeit beim Knacken von Schlössern und Austricksen von Sicherheitssystemen. Avons Computerwissen führt zur raschen Identifizierung der gesuchten Maschine. Gans Bärenkräfte kommen bei deren Sicherstellung zum Einsatz. Und Cally? Na ja, sie erhält zwar keine Gelegenheit, ihre telepathischen Fähigkeiten einzusetzen, aber beim Bewachen der überwältigten Techniker darf sie zumindest in ihre alte Rolle als grimmige Guerillakämpferin schlüpfen.
Etwas problematisch wird die Angelegenheit allerdings, als es ihr als einziger nicht gelingt, auf die "Liberator" zurückzukehren, bevor die Sprengladungen zur Explosion gebracht werden, mit deren Hilfe Blake & Co verschleiern wollen, dass sie die Chiffriermaschine gestohlen haben. Denn auch wenn Cally kaum für diese unglückliche Wendung verantwortlich gemacht werden kann, führt dies in der Folge doch zu ihrer Gefangennahme durch die Föderation, was sie in gewisser Weise zu einer "Damsel in Distress" macht, die von ihren Kameraden befreit werden muss. Sicher, der Plot verlangt, dass mindestens ein Mitglied der Crew der Föderation in die Hände fällt. Doch warum ausgerechnet Cally? Zumal sie in The Web gerade erst unter die telepathische Kontrolle der "Verlorenen" geraten war. Ich möchte hier Terry Nation keineswegs irgendwelche bewusst sexistischen Motive unterstellen. Zumal auch die gefangene Cally durchweg als eine starke Persönlichkeit dargestellt wird, die sich auch durch Folter nicht brechen lässt. Etwas fragwürdig ist das Ganze aber schon. Und der Umstand, dass Cally von den Föderationsoffizieren konsequent als "girl" bezeichnet wird, macht es auch nicht eben besser. {Schauspielerin Jan Chappell war zum Zeitpunkt des Drehs achtundzwanzig Jahre alt.}

Nun denn, wenden wir uns lieber dem zu, was Seek Locate Destroy zu einer der wichtigsten Episoden der ersten Staffel macht -- der Einführung von Supreme Commander Servalan (Jacqueline Pearce), die bis zum Ende der Serie die wichtigste Gegenspielerin unserer Helden bleiben wird.

Wie ich in meiner Besprechung der Pilotfolge The Way Back beschrieben habe, trägt die Föderation zwar viele Züge eines faschistischen Regimes, besitzt jedoch keine Führerfigur an der Spitze. Zwar hören wir hin und wieder von einem Präsidenten, doch scheint es sich ei diesem bloß um den Repräsentanten jener Clique von Politikern und Bürokraten zu handeln, die in Wirklichkeit die Strippen ziehen. Mit Servalan bekommt das Regime, gegen das Blake und Genossen rebellieren, erstmals ein individuelles Gesicht.
Zu diesem Zeitpunkt ist sie die Oberkommandiere der Föderationsstreitkräfte. Doch abgesehen davon, dass sie bereit ist, zum Erreichen ihrer Ziele größte Rücksichtslosigkeit und Brutalität einzusetzen, wirkt sie wenig "militaristisch". An einer Stelle gibt sie ihrem Abscheu über die "graue Welt der Politik" mit ihren Intrigen, Absprachen und Kompromissen Ausdruck, und doch scheint sie selbst eher dieser Sphäre als der des Militärs anzugehören. Was schon rein äußerlich dadurch hervorgehoben wird, dass sie nie eine Uniform, sondern stets irgendwelche eleganten Kleider trägt. In späteren Episoden werden wir zwar Details aus ihrer Karriere kennenlernen, die klarmachen, dass ihr Aufstieg sich tatsächlich innerhalb des Offizierskorps vollzogen hat. Doch ändert das wenig an dem Eindruck, dass es sich bei ihr weniger um eine Militärdiktatorin in spe als vielmehr um eine besonders skrupellose politische Intrigantin handelt.

Blake ist inzwischen offenbar zu einem ernstzunehmenden Problem für die Föderation geworden. Weniger aufgrund der tatsächlich von ihm durchgeführten Überfälle auf militärische Einrichtungen, als vielmehr weil er in der Fantasie der Massen allmählich zu einer Art überlebensgroßem Volkshelden, zu einem legendären Symbol des Widerstandes, avanciert ist. Servalan muss handeln, wenn sie nicht von ihren Rivalen aus dem politischen Führungszirkel ausgebootet werden will. Sie beschließt, einen Offizier zu bestimmen, dessen ausschließliche Aufgabe es sein soll, die "Liberator" aufzuspüren und zu zerstören, und der zu diesem Zweck mit umfangreichen Vollmachten und den modernsten Raumjägern der Föderation ausgestattet wird. Servalans Wahl fällt auf Space Commander Travis (Stephen Greif), was sowohl bei den Politikern als auch unter ihren eigenen Offizieren Irritation und Widerwillen hervorruft, steht der Mann mit der Augenklappe und der Cyborg-Hand doch im Ruf, ein brutaler Schlächter zu sein. Tatsächlich sollte er sich gerade vor einer Militärkomission für ein von ihm befohlenes Massaker an aufständischen Zivilisten verantworten.

Ursprünglich sollten der Verräter Dev Tarrant aus The Way Back und Commander Travis ein und die selbe Person sein. Diese Idee wurde schließlich fallen gelassen, was vielleicht ganz gut war, ist der Travis, den wir in der Serie zu sehen bekommen, doch kaum der Typ für eine Undercover - Mission. In etwas veränderter Form hat sich dennoch etwas von dem ursprünglichen Konzept erhalten, denn er wird uns als derjenige eingeführt, der Blakes ursprüngliche Verhaftung leitete, wobei er sich seine Verstümmelungen zugezogen hat. Damit besitzt er ein sehr persönliches Motiv für die Jagd nach dem Rebellen. Was natürlich der Hauptgrund ist, warum Servalan ihn für den Job ausgesucht hat.
Leider sollte der Commander nur in der ersten Staffel von Stephen Greif gespielt werden. Was wirklich ein Jammer ist, denn Greif gelingt es, der auf den ersten Blick so eindimensionalen Figur von Anfang an Nuancen einer größeren Komplexität zu verleihen. Travis sieht sich selbst als der harte "Frontsoldat" und hat für die Welt der "verweichlichten" Stabsoffiziere nur schlecht verhehlte Verachtung übrig. Entsprechend wenig Respekt bringt er selbst Servalan entgegen. {Worauf diese übrigens mit großer Souveränität reagiert. Die "Oberste Befehlshaberin" ist niemand, die sich leicht einschüchtern oder aus dem Konzept bringen ließe.} Von seinen Untergebenen erwartet er unbedingten Gehorsam und höchste Kompetenz. Wer ihm querkommt, kann sich auf unangenehme Folgen gefasst machen, doch zugleich zeigt er ehrliche Anerkennung, wenn man ihm gute Resultate vorlegen kann. Er selbst erweist sich nicht nur als extrem rücksichtslos, sondern auch als intelligent und kompetent. Zugleich können wir spüren, dass seine Verstümmelung durch Blake {an deren Folgen er beinah gestorben wäre} psychische Narben hinterlassen hat, die auch nach Jahren nicht wirklich verheilt sind.

Auf den letzten Teil der Handlung und Callys Befreiung möchte ich nicht weiter eingehen. Erwähnt sei bloß, dass es sich bei dem Gefängnis um exakt dieselbe Industrieanlage handelt, die am Anfang der Episode die Kommunikationsbasis vorgestellt hatte.

Nächstes Mal werden wir es mit einer weiteren Lückenbüßer - Folge zu tun bekommen, in der Blake versuchen wird, in die Rolle von Hercule Poirot zu schlüpfen. Mal sehen, wie gut ihm dies gelingt ...


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Samstag, 18. März 2017

Strandgut der Woche

Samstag, 11. März 2017

Sir Julian der Abtrünnige

So endet auch diese Geschichte. Welche Moral liegt darin? In jener Abtei gab es einen Gelehrten, der behauptete, alles habe einen höheren Sinn, und das Leben sei nur symbolischer Spiegel von Vorgängen einer höheren Ebene. Nichts, behauptete er, sei Zufall. Nichts geschieht ohne irgendeinen Zweck. Doch ich bin blind in dieses Abenteuer hineingetappt und wieder heraus, und ich suchte einzig und allein meine eigene Haut zu retten ... Eine Bedeutung? Ein Zweck? Wenn andere, wie es die Balladen berichten, ins Land der Elfen oder in das der Toten geraten, dann geschieht das aus irgendeinem edlen Beweggrund, um einer bestimmten tiefen Wahrheit teilhaftig zu werden, um einen geliebten Menschen zu retten oder ein Königreich zu erlösen. Bei mir war es niemals so. Meine Lebensgeschichte wird nur armselige Zerstreuung bieten, sollte sie jemals erzählt werden. Sie lässt weder Form noch Ordnung erkennen, keine Richtung und kein Ziel. Keine Schlussfolgerung, keine Moral, keine Antworten. Nur immer neue Fragen.

Darrell Schweitzer, Das Rätsel vom Horn   

Fragte man mich, welches Subgenre der Fantasyliteratur meinem Herzen am nächsten steht, ich würde ohne zu zögern antworten: Die Sword & Sorcery. Und dass obwohl Tolkiens Herr der Ringe und sein Silmarillion von allen Werken der Phantastik auf einer emotional-persönlichen Ebene die wohl wichtigste Rolle in meinem Leben gespielt haben.

Wenn ich mich recht entsinne, ist es der arabisch-amerikanische Schriftsteller Saladin Ahmed gewesen, der die Sword & Sorcery einmal als "blue-collar fantasy" bezeichnete. Und auch wenn man dieser Definition zurecht Helden wie Michael Moorcocks Elric von Melniboné, der ja der letzte Spross einer dekadenten Herrscherdynastie ist, entgegenhalten kann, besitzt das Subgenre doch in der Tat schon von seinen Ursprüngen her ein wenn man so will "proletarisches" Element.
Robert E. Howard schrieb 1935 in einem Brief an Clark Ashton Smith:   
Some mechanism in my sub-consciousness took the dominant characteristics of various prize-fighters, gunmen, bootleggers, oil field bullies, gamblers, and honest workmen I have come in contact with, and combining them all, produced the amalgamation I call Conan the Cimmerian.*
Fritz Leiber wiederum bezeichnete seine Helden Fafhrd und den Grey Mouser einmal als "Kinder der bankrotten dreißiger Jahre", die zugleich "der menschlichen Natur besser entsprechen" würden "als übermenschliche Helden wie Conan", und deren Abenteuer eine "bodenständigere Form der Fantasy" repräsentieren sollten, als die Tolkiens und seiner Epigonen.**
Diese Tradition der Sword & Sorcery als einer Fantasy der plebejischen Underdogs fand seine Fortsetzung u.a. in Steven Brusts Vlad Taltos - Büchern, und wird heute durch Werke wie Scott Lynchs Gentleman Bastards - Serie oder Saladin Ahmeds Throne of the Crescent Moon vertreten.

Meine große Liebe für das Subgenre hat sicher viel mit diesem Aspekt zu tun, doch natürlich bin ich mir bewusst, dass man die Sword & Sorcery nicht auf selbigen reduzieren kann. Und er ist auch nicht der einzige Grund für meine Zuneigung.

Es muss 1987 oder '88 gewesen sein, als mir eine Anthologie mit dem Titel Isaac Asimovs Märchenwelt der Fantasy unter die Finger kam. Vor allem eine der Kurzgeschichten, die sie enthielt, hinterließ einen bleibenden Eindruck auf mich. Sie trug den Titel Allerhand Hände und erzählte von einem einhändigen Ritter, der von einem Zaubererkönig eine neue Hand verliehen bekommt, nur um zu erleben, wie sich diese jede Nacht selbstständig macht und unschuldige Menschen ermordet, während der Ritter gezwungen ist, das blutige Treiben hilflos mitanzusehen.
Es sollten beinah zweieinhalb Jahrzehnte vergehen, bis ich durch einen auf Black Gate veröffentlichten Artikel von John R. Fultz erfuhr, dass Divers Hands Teil eines ganzen Zyklus von Geschichten ist, die Darrell Schweitzer in den 70er Jahren über die Abenteuer Sir Julians des Abtrünnigen geschrieben hat und die schließlich in dem Band We Are All Legends gesammelt und als Ganzes veröffentlicht wurden. Eine deutsche Übersetzung von Yoma Cap ist 1996 bei Heyne unter dem Titel Wir sind Legende erschienen.

Die 70er Jahre waren bekanntlich so etwas wie das Goldene Zeitalter der Sword & Sorcery.
L. Sprague de Camp hatte 1966 begonnen, Robert E. Howards Conan-Stories in {räusper - räusper} "überarbeiteter" Fassung bei Lancer Books neu aufzulegen, und ab 1968 wurden außerdem die bis dahin erschienenen Fafhrd & The Grey Mouser - Geschichten bei Ace Books in einer Reihe von Sammelbänden (Swords in the Mist [1968], Swords against Wizardry [1968], Swords and Deviltry [1970], Swords against Death [1970]) erneut herausgegeben.
Der bald darauf einsetzende Boom wurde sicher lange Zeit von De Camps & Lin Carters Conan-Industrie und den zahlreichen "Clonans", die ihr nachzueifern versuchten, dominiert. Doch daneben meldeten sich schon bald auch innovativere Stimmen zu Worte. Um nur einige zu nennen: 1970 betrat mit Darkness Weaves With Many Shadows Karl Edward Wagners Kane die Bühne, auch wenn er seine wahre Größe erst 1973 in Death Angel's Shadow zeigen sollte. 1974 erschien in dem von Gene Day herausgegebenen kanadischen Magazin Dark Fantasy Charles R. Saunders' erste Imaro - Geschichte Mji-ya-Wazimu.*** Und auch der alte Veteran und Namensgeber des Subgenres Fritz Leiber verlieh seinen Fafhrd & The Grey Mouser - Stories manch interessante neue Wendung, vor allem in den 1976/77 erschienenen Gechichten The Frost Monstreme und Rime Isle, in denen er schildert, wie sich seine Helden mit dem Altern auseinandersetzen und danach streben, ihr verantwortungsloses Abenteurerleben hinter sich zu lassen.
Darrell Schweitzers Geschichten um Sir Julian, von denen die ersten beiden – The Veiled Pool of Mistorak und The One Who Spoke With The Owls – 1976 erschienen, dürfen ohne Frage gleichfalls zu dieser Gruppe gezählt werden.

Julian, der sich später in Anlehnung an den römischen Kaiser Iulianus Apostata "der Abtrünnige" nennt, wird ganz im Geiste einer Philosophie erzogen, nach der alles in der Welt seinen Platz und seine Ordnung hat – "Gott in seinem Himmel, der Mensch auf Erden, der Teufel drunten". Doch als er – kurz nachdem er zum Ritter geschlagen wurde – während einer Jagd in den Wäldern einer Hexe begegnet, verliert er für immer das Vertrauen in diese universale Ordnung der Dinge. Um die Frau von einem grausamen und ungerechten Schicksal zu erlösen, erklärt er sich bereit, dem Teufel höchstpersönlich entgegenzutreten. Doch als der Satan tatsächlich erscheint, kommt es nicht etwa zu dem verzweifelt-heroischen Kampf, den Julian vielleicht erwartet hatte. Luzifer erklärt dem jungen Ritter vielmehr:
Nun, Ritter Julian, gehörst du mir, aber ich werde dich jetzt nicht mitnehmen. Du wirst auf deine eigene Weise zu mir kommen, zu deiner eigenen Zeit, doch kommen wirst du. Bis dahin, so lautet mein Wille, sollst du leben, die Welt durchwandern und sie in meinem Namen kennenlernen.
Und so wird Sir Julian zu einem fahrenden Ritter der ganz besonderen Art. Rastlos durchstreift er die Welt, die ihm mehr und mehr als ein Tollhaus, als die Schöpfung einer wahnsinnigen Gottheit erscheint. Seine Erlebnisse auf dem Ersten Kreuzzug und vor allem das fürchterliche Massaker, das die Kreuzfahrer nach dem Fall von Jerusalem unter den Bewohnern der Heiligen Stadt anrichten, zerstören die letzten Reste seines Glaubens an Christus. Zugleich bleibt er davon überzeugt, ein Verdammter zu sein, auf den die ewige Höllenpein wartet. Ein Gefühl, das noch verstärkt wird, als er in einem Anfall blinder Wut seinen treuen Knappen erschlägt. Einsam und verzweifelt sucht er nach einer Erlösung jenseits der christlichen Weltordnung von Gott und Teufel. Doch als ihm diese in Form der völligen Hingabe an das metaphysische Nichts angeboten wird, schlägt er sie aus, da der Wunsch zu leben trotz allem zu stark in ihm ist, als dass er sich dem absoluten Nihilismus anheimgeben könnte. Und so bleibt er ein ewig Suchender.

Darrell Schweitzer hat erklärt, seine wichtigste Inspirationsquelle für die Sir Julian - Geschichten sei Ingmar Bergmans grandioser Film Det sjunde inseglet / Das siebente Siegel (1957) gewesen:
The main theme of The Seventh Seal is the silence of God. Why does God not speak to us? If he does not exist, as [Bergman’s] knight suggests, does that mean that life is a meaningless horror? 


Nun gehört Das siebente Siegel zu meinen absoluten Lieblingsfilmen, und so interessant ich Schweitzers Zyklus um den verdammten Sir Julian auch finde, ist es mir doch völlig unmöglich, ihn auch nur annähernd auf dieselbe Stufe zu stellen wie Bergmans Geschichte von dem Ritter, der Schach mit dem Tod spielt. Doch natürlich muss man das auch nicht, um die zweifellos vorhandenen motivischen Ähnlichkeiten anzuerkennen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens in einer scheinbar sinnlosen Welt spielt bei beiden eine zentrale Rolle, auch wenn Schweitzer dabei nie die menschliche Tiefe und poetische Kraft von Bergmans Film erreicht.

Weitere Anregung bezog der Schriftsteller nach eigener Aussage aus C.L. Moores Jirel of Joiry - und Northwest Smith - Stories. Von letzteren habe ich zwar nur Shambleau gelesen, aber gewisse motivische Anklänge an das Werk der großen SFF-Pionierin sind auch für mich durchaus erkennbar. Darüberhinaus jedoch fühlte ich mich bei der Lektüre von Wir sind Legende noch an eine ganz andere Tradition erinnert.

Karl Edward Wagner nannte einmal als eines der wichtigsten Vorbilder für seinen Kane die "gothic novel" des frühen 19. Jahrhunderts und vor allem Maturins Melmoth the Wanderer. Auch Schweitzers Beitrag zur Sword & Sorcery scheint mir Anklänge an diese dunkle Spielart der Romantik aufzuweisen. Zu Beginn ist Sir Julian zwar kein unsterblicher Wanderer. Vielmehr spielt seine Furcht vor dem Tod – oder vielmehr. vor der dann auf ihn wartenden Höllenqual – eine wichtige Rolle zum Verständnis seines Charakters. Doch mit der Zeit verwandelt er sich mehr und mehr in eine Art Ahasver, der für alle Ewigkeit durch die Welt streift, ohne je Frieden oder Erlösung zu finden. Im Epilog des Zyklus L'envoi begegnet er schließlich Bedivere, Gawain und Galahad, die sich auch nach Jahrhunderten immer noch auf der Suche nach dem Heiligen Gral befinden, und realisiert:
Ich glaube, wir alle haben unsere Verbindung zur Zeit verloren. Die Geschichte zieht an uns vorüber, und wie Korken werden wir vom Sturm der Jahre umhergetrieben, ohne jemals eine Küste erreichen zu können ... Wir sind alle zu Legenden geworden ...   
Dazu passt sehr schön, dass Sir Julians Abenteuer gegen Ende des Zyklus immer stärker phantasmagorische Züge annehmen. Mehr und mehr fallen die Barrieren zwischen unserer Welt, der Welt der Träume und irgendwelchen fremdartigen Dimensionen. In mehr als einer Geschichte erklärt Julian, dass er nicht länger wisse, ob er die Ereignisse, von denen er berichtet, im Wach- oder im Traumzustand erlebt hat.  
   
Ein weiteres Motiv, das sich durch We Are All Legends zieht, ist der Gegensatz von Christentum und Heidentum, wobei ersteres in eher negativem Licht erscheint. Dabei bilden vor allem zwei Geschichten ein interessantes motivisches Paar. In der relativ früh im Zyklus angesiedelten Story The One Who Spoke With The Owls erschlägt Julian im Auftrag einiger Dorfbewohner eine "Hexe", die sich als eine Art heidnische Schutzgöttin entpuppt und deren Tod ein bis dahin blühendes Tal in eine tote Wüstenei verwandelt., In der vorletzten Erzählung Midnight, Moonlight and the Secret of the Sea befreit Julian erst zufällig zwölf von Merlin gebannte "Hexen" und macht sich anschließend auf eine Queste gegen ein mysteriöses Böses, um den leidenden Ritter Gottfried zu erlösen – eine Amfortasfigur, die zudem mit dem Ersten Kreuzzug und dem Fall von Jerusalem verbunden wird.**** Im Verlauf der Queste zeigt es sich, dass auch diese "Hexen" in Wahrheit heidnische Nymphen oder Naiaden sind, die in einer bizarren Szene gemeinsam mit Julian Poseidon wieder zum Leben erwecken und damit ein "neues Zeitalter" einleiten. In gewisser Hinsicht macht Julian hier wieder gut, was er in The One Who Spoke With The Owls verbrochen hatte. Doch bezeichnenderweise gelangt er selbst nicht in den Genuss der Befreiung, die das neue Zeitalter verspricht, sondern bleibt am Ende einmal mehr einsam und verloren am Strand des Meeres zurück.

Alles in allem ist We Are All Legends / Wir sind Legende ein faszinierender und eigenwilliger Beitrag zur Sword & Sorcery, den ich allen Freunden & Freundinnen des Subgenres nur wärmstens ans Herz legen kann.


* Zit. nach: Mark Finn: Blood & Thunder. The Life & Art of Robert E. Howard. S. 172.
** Zit. nach: Hardy Kettlitz & Christian Hoffmann: Fritz Leiber. Schöpfer dunkler Lande und unrühmlicher Helden. S. 5ff. 
*** Wie es dazu kam, erzählt Saunders selbst auf seinem Blog.
**** Der Name Gottfried lässt einen natürlich sofort an Gottfried von Bouillon denken. Seine Geschichte scheint mir außerdem auf Torquato Tassos Epos Gerusalemme liberata anzuspielen. Darrell Schweitzer bedient sich in We Are All Legends immer wieder im Fundus der mittelalterlichen Literatur – Dante, Sir Gawain and the Green Knight, Malory, die altnordische Tradition des Rätselwettstreits usw.

Strandgut der Woche

Montag, 6. März 2017

Back in the U.S.S.R. (VII)

Interplanetarische Revolution 

Natürlich habe ich vor, im Rahmen dieser Artikelreihe irgendwann auch Aëlita vorzustellen. Und zwar sowohl Alexei Tolstois Roman, als auch Jakow Protasanows Film aus dem Jahre 1924. Wann es soweit sein wird, steht allerdings noch in den Sternen. Darum möchte in an dieser Stelle zum einen auf Fritzi Kramers Besprechung des Films hinweisen, und meine Leserinnen und Leser zum anderen mit einem kleinen filmischen Juwel beglücken, das so etwas wie ein bizarres Gegenstück zu Aëlita bildet. 

Der kurze Animationsfilm Mezhplanetnaya revolyutsiya / Interplanetarische Revolution (1924) ist ein wunderbar exzentrisches Beispiel für die frühsowjetische Verschmelzung von revolutionärer Propaganda und filmerischer Avantgarde. Er war die erste Schöpfung der Experimentellen Werkstatt für Animation, die der Bildhauer Nikolai Chodatajew nach Abschluss seines Studiums an den Wchutemas (Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten) zusammen mit den Malern Zenon Komissarenko und Juri Merkulow gegründet hatte. Motivisch speist sich der Film aus dem "proletarischen" Kosmismus (vgl. hier) und dem Vorbild von Wladimir Majakowskis Mysterium Buffo, kann jedoch zugleich als eine Art Parodie auf Aëlita verstanden werden, an dessen Produktion Komissarenko selbst beteiligt war. Ironischerweise fand die Arbeit an Mezhplanetnaya revolyutsiya in dem selben Gebäudekomplex statt, in dem auch Protasanow seinen Film drehte. Einer der Beteiligten erinnerte sich später:
Life on the other side of our studio wall was making a great din. Silent films were made very noisily. Actors and extras would constantly be coming to look into our quiet abode. Exotically dressed "martians", breathless with curiosity, would observe our strange work. It all seemed like black magic and sorcery to them, and they related to us with a special understanding. And the animators examined with great interest their "martian" costumes, made of silk and silvery cellophane, designed by the artist Alexandra Ekster.*
Das experimentierfreudige Künstlerkollektiv bediente sich bei der Realisierung von Mezhplanetnaya revolyutsiya einer Reihe unterschiedlicher Animations- und Montagetechniken. Das Endergebnis ist ein verwirrendes Werk von prächtiger Exzentrizität. Wer schon immer mal das Verlangen hatte, zu sehen, wie sich grotesk fette Kapitalisten mit riesigen nackten Ärschen aus Furcht vor der Weltrevolution unter ihrem Bett verkriechen und schließlich in einem gigantischen Schuh die Flucht ins Weltall antreten -- hier ist die Gelegenheit! 



P.S.: Dass Chodatajew in den 30er Jahren Probleme mit den stalinistischen Kulturbehörden bekam und sich schließlich aus der Filmkunst zurückzog, wird wahrscheinlich niemandem überraschen.
P.P.S.: Manchen wundert es vielleicht, dass einige der kapitalistischen Bösewichter Hakenkreuze tragen. Obwohl im Jahr zuvor der gescheiterte Putschversuch Hitlers in München stattgefunden hatte, muss es sich dabei nicht um eine Anspielung auf die Nazis handeln. Auch abseits der NSDAP bedienten sich eine ganze Reihe reaktionärer und faschistischer Organisationen in der Weimarer Republik des alten Symbols, wie man z.B. auf diesen beiden Fotografien von Freikorps-Truppen während des konterrevolutionären Kapp-Putsches von 1920 sehen kann. Vgl. auch George Grosz' Zeichnung Der weiße General aus dem Jahre 1923.

* Zit. nach: Giannalberto Bendazzi: Animation: A World History. Vol. 1. S. 76.

Samstag, 4. März 2017

Willkommen an Bord der "Liberator" – S01/E05: "The Web"

Bevor wir uns dem Inhalt der fünften Episode von Blake's 7 zuwenden, möchte ich ein paar kurze Bemerkungen über die Entwicklungsgeschichte der ersten Staffel vorausschicken.

Als die BBC im November 1976 die Produktion der Serie offiziell in Auftrag gab, existierten bereits zwei von Terry Nation verfasste Drehbücher, die ungefähr den späteren Episoden The Way Back und Space Fall entsprachen. Man war übereingekommen, dass Nation die Mehrzahl der Scripts für die erste Staffel schreiben sollte, da sein Name mit einem gewissen Prestige verbunden war. Doch Anfang 1977 wurde dieser Auftrag auf sämtliche dreizehn Episoden ausgeweitet. Man kann sich leicht vorstellen, dass dies einige Probleme nach sich zog. Am Ende schuf der Autor für viele der Folgen nur einen ersten Drehbuchentwurf, der dann von Script Editor Chris Boucher, dessen Einfluss auf die Entwicklung von Blake's 7 in den späteren Staffeln deutlich zunehmen würde, mehr oder weniger stark überarbeitet wurde. Doch auch diese Teamarbeit konnte nicht verhindern, dass es sich als unmöglich erwies, über den Verlauf der gesamten ersten Staffel ein gleichmäßiges Qualitäts- und Originalitätsniveau zu halten. Rundherum miese Episoden gibt es meiner Ansicht nach zwar auch in der ersten Staffel von Blake's 7 nicht, aber wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir auf die eine oder andere Lückenbüßer-Folge stoßen. 

Und zu diesen würde ich auch The Web zählen. Zwar besitzt die Episode einen gewissen Charme, doch weder in ihrer Thematik noch in der Darstellung der Charaktere trägt sie irgendetwas bedeutendes zur Serie als Ganzem bei. Entsprechend kurz wird diese Besprechung ausfallen.

Unter dem telepathischen Einfluss einer fremden Macht sabotiert Cally die "Liberator", was dazu führt, dass das Schiff seinen Kurs ändert, zu einem fremden Sonnensystem fliegt und sich dort in der Nähe eines unbekannten Planeten in einer Art riesigem Spinnennetz verfängt. Weder das mächtige Antriebssystem noch die gleichermaßen eindrucksvollen Strahlenkanonen der "Liberator" eröffnen eine Fluchtmöglichkeit, so dass sich die Crew schließlich gezwungen sieht, mit ihren Entführern zu verhandeln, welche Jennas Körper zur Kommunikation verwenden. Cally vermutet, dass es sich bei ihnen um "die Verlorenenen" handelt, eine Gruppe, die einst von ihrer Heimatwelt verbannt wurde -- "unfit to share the soul of Auronar". Klingt nicht eben vertrauenserweckend, aber als sich Blake auf den Planeten hinunterteleportiert, wird er dort von dem Geschwisterpaar Geela (Ania Marson) und Novara (Miles Fothergill) sehr höflich in Empfang genommen. Scheinbar geht es den beiden nur darum, ein paar neue Energiezellen im Austausch gegen die Befreiung der "Liberator" zu bekommen. Weniger freundlich wirken da auf den ersten Blick die zwergenhaften "Decimas", die in den Wäldern um die Forschungsstation herum hausen, Blake nach seiner Ankunft attackiert haben und offenbar einen großen Hass auf Geela & Novara hegen. Doch dieser erste Eindruck wandelt sich rasch, als unser Held erfährt, dass in der Station gentechnische Experimente durchgeführt werden, mit deren Hilfe "die Verlorenen" Unsterblichkeit zu erlangen hoffen, während sie nebenbei eine Sklavenrasse für sich heranzüchten. Die "Decimas" sind die unglücklichen Produkte dieser Experimente, denen von ihren Schöpfern ein baldiger Tod zugedacht ist. Ja, selbst Geela & Novara sind bloß künstlich kreierte Werkzeuge. Der wirkliche Herr des Labors entpuppt sich als eine in einem Tank mit Nährflüssigkeit schwimmende, verschrumpelt-embryonenhafte Kreatur, die in sich das Bewusstein der ursprünglichen "Verlorenenen" trägt..

The Web ist wie gesagt keine schlechte Folge. Das Waldsetting mit seinen überall herumhängenden monströsen Spinnenwebfäden, den großen weißen Ballons, die hier und da zwischen den Büschen liegen, sowie dem schlauchartigen Forschungslabor besitzt bei aller Primitivität doch eine nett bizarre Atmosphäre. Auch das abhängig von der Beleuchtung mal silbrig, mal golden schimmernde gentechnisch produzierte Geschwisterpaar hinterlässt in seiner roboterhaften Emotionslosigkeit einen gelungen gruseligen Eindruck. Und immer dann wenn der "Verlorene" (Richard Beale) durch einen weiblichen Körper {Jennas oder Geelas} spricht, ist die Wirkung in der Tat leicht verstörend. 
Die Decimas allerdings wirken wie eine putzige Kreuzung zwischen Ewoks und Pilzmenschen, wobei die billigen Kostüme nicht zu verschleiern vermögen, dass es sich bei ihnen wohl um eine Schar kreischender Kinderdarsteller handelt. Was der Atmosphäre denn doch leicht abträglich ist, und der finalen Rache der gequälten Kreaturen etwas von der Ernsthaftigkeit und dem Pathos nimmt, über die die entsprechende Szene eigentlich hätte verfügen müssen.

Mehr habe ich über The Web nicht zu berichten. Höchstens noch, dass Avon Blake einmal mehr das Leben rettet {warum, versteht er selbst nicht so ganz}, und der fanatische Freiheitskämpfer seinerseits den zynischen Computerspezialisten später als einen "Freund" bezeichnet. Auch wenn die Episode alles in allem wenig zum Weltenbau von Blake's 7 beiträgt, verdeutlicht sie damit doch wenigstens noch einmal die komplizierte und vielschichtige Beziehung, die sich zwischen den beiden Charakteren zu entwickeln beginnt.

Wenn The Web nicht viel mehr als eine Lückenbüßer-Episode ist, so erwartet uns dafür nächstes Mal die Einführung der beiden wichtigsten Antagonisten der Serie.

Strandgut der Woche

Sonntag, 26. Februar 2017

Back in the U.S.S.R. (VI)

Nach zweieinhalb Monaten setze ich nun endlich meinen hier begonnenen Aufsatz über die burjatische Nationalbewegung fort, der uns am Ende zu einer kurzen Betrachtung der faszinierenden Theaterarbeit führen soll, die der Dichter und Dramatiker Pjotr Dambinow in den 20er Jahren in Sowjetburjatien organisierte. Ich hoffe, bis zur Veröffentlichung des nächsten Teiles wird es nicht noch einmal so lange dauern. Schließlich warten noch eine ganze Reihe anderer Beiträge für meine Reihe "Back in the U.S.S.R." darauf, geschrieben und gepostet zu werden. 

Anfang 1904 brach der Krieg zwischen Russland und Japan aus. Der dumpfe Hurrapatriotismus der ersten Kriegsmonate hielt nicht lange vor. Eine Reihe von demütigenden Niederlagen der russischen Armee in der Mandschurai versetzten dem Prestige des Zarismus einen schweren Schlag und in der zweiten Jahreshälfte begannen die bürgerlichen Liberalen halblegale Konferenzen und politische Bankette zu organisieren, auf denen sie die Einführung der bürgerlichen Freiheiten und die Einberufung einer Volksvertretung forderten, die an der Gesetzgebung mitwirken solle. Die breite Masse der Bevölkerung in den Kampf hineinzuziehen, kam den Professoren, Journalisten und Notaren, fortschrittlichen Fabrikanten und Gutsbesitzern selbstverständlich nicht in den Sinn. Sie hofften auf ein Entgegenkommen der geschwächten Regierung. Doch die Autokratie zeigte sich keineswegs verhandlungswillig und die Bankettkampagne drohte im Sande zu verlaufen, als im Dezember ein Generalstreik in Baku ausbrach. Im selben Monat musste Russland die als uneinnehmbar geltende Festung Port Arthur an die Japaner übergeben. Von nun an überschlugen sich die Ereignisse. Am 3. (16.) Januar traten die 12.000 Arbeiter der Petersburger Putilow-Werke in den Ausstand. Der unmittelbare Anlass war eher unbedeutend, doch bereits wenige Tage später streikten in der Hauptstadt 140.000 Arbeiter. Am 9. (22.) Januar 1905 marschierte eine gewaltiger Demonstrationszug unter der Führung des Popen Gapon, Kirchenlieder singend und Ikonen mit sich führend, zum Winterpalais, um dem Zaren die Forderungen der Petersburger Arbeiterschaft zu übergeben: Einführung der demokratischen Freiheiten, des Achtstundentages und eines Minimallohns, Trennung von Kirche und Staat, Befreiung der politischen Gefangenen, Wahl einer gesetzgebenden Volksversammlung nach allgemeinem und gleichem Stimmrecht. Das Manifest endete mit den pathetischen Sätzen:
Dies, o Herr, sind unsere hauptsächlichsten Wünsche. Befiehl und schwöre, dass Du sie erfüllst, und Du wirst Russland glücklich und glorreich machen, wirst Deinen Namen unseren Herzen und den Herzen der Nachkommen einprägen für ewige Zeiten. Lässt Du es nicht zu, kehrst Du Dich nicht um unser Flehen, so werden wir sterben auf diesem Platz, vor Deinem Palast. (1) 
Die rhetorische Wendung sollte zur blutigen Wirklichkeit werden. Nikolaus II. hatte die Stadt verlassen und den Oberbefehl seinem Onkel Großfürst Wladimir Romanow übergeben. Dieser ließ das Feuer auf die unbewaffnete Menge eröffnen. Hunderte Frauen und Männer starben im Kugelhagel und unter den Säbelhieben der Kosaken. Erste Berichte sprachen sogar von zweitausend Opfern. Der "Blutsonntag" zerstörte für immer die Legende vom gütigen "Väterchen Zar" und war zugleich der Beginn der ersten Russischen Revolution.
Im März erste Truppenmeutereien in Tiflis; im April Demonstrationen in Petersburg und Bauernunruhen in den Ostseeprovinzen; im Mai Kämpfe mit dem Militär in Warschau und Kalisch; im Juni Generalstreik und Straßenkämpfe in Warschau, Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin im Schwarzen Meer, Truppenmeutereien in Riga und Libau; im Juli Bauernunruhen im Baltikum, Meuterei in Cherson, Eisenbahnerstreik; im Oktober schließlich die Gründung des Petersburger Sowjets der Arbeiterdeputierten und der landesweite Generalstreik, der in Moskau begann, dann jedoch Abermillionen erfasste, das wirtschaftliche Leben und den Staatsapparat wochenlang lahmlegte und zur Proklamation des Zarenmanifestes vom 17. (30.) Oktober führte, in dem Nikolaus II. dem Land die bürgerlichen Freiheiten und die Einberufung einer Duma – eines Parlamentes – versprach; im November der revolutionäre Kampf der Petersburger Arbeiter und Arbeiterinnen um den Achtstundentag; im Dezember schließlich der erfolglose bewaffnete Aufstand in Moskau.

Die Chronik der zentralen Ereignisse des "tollen Jahres" erweckt den Eindruck, als habe die revolutionäre Sturmflut den Ural nie überschritten, und naturgemäß konzentrierten sich die Hauptkämpfe tatsächlich auf die wirtschaftlich fortgeschrittensten Teile des Landes. Doch Sibirien war keineswegs das ruhige Hinterland der Revolution. Im Herbst fanden auch in Irkutsk Massenstreiks statt und am 30. November (13. Dezember) marschierte ein gewaltiger Zug bewaffneter Demonstranten – Arbeiter und Soldaten der örtlichen Garnison – durch die Straßen der Gouvernementshauptstadt. Die Region um den Baikalsee war außerdem Schauplatz einer zwar wenig bekannten, aber nichtsdestoweniger außergewöhnlich interessanten Episode der ersten Revolution, als Tschita zur Hauptstadt einer kurzlebigen unabhängigen Republik Transbaikalien wurde, an deren Spitze ein Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Kosakendeputierten unter dem Vorsitz des aus Tiflis in die Verbannung geschickten Ingenieurs Kurnatowski stand. Ähnliche regionale Sowjetrepubliken entstanden in Lettland und in Novorossiisk. Zwölf Jahre vor der Oktoberrevolution zeigte sich hier erstmals das gewaltige Potential der spontan entstandenen Organisationsform der Arbeiterräte.
In Tschita versammelten sich 1905 aber auch die Vertreter der burjatischen Nationalbewegung zu einer Konferenz, auf der sie die Selbstverwaltung für ihre Heimat forderten. Allerdings wurde die Versammlung allem Anschein nach von den Vertretern des konservativen Flügels um Tsyben Jamtsarano dominiert.
Dabei führte die Revolution logischerweise auch unter den Burjaten zu einer Radikalisierung. Jamtsarano selbst berichtet in seinen Putevye dnevniki (Reisetagebüchern) von einem Gespräch, das er in diesem Jahr mit einem Bekannten in Irkutsk führte. Dieser erzählte ihm, er habe soeben seinen alten Beruf aufgegeben und wolle Gefängniswärter werden. Doch nicht etwa, um dem zaristischen Regime zu dienen: „You see, brother, I’ve gone red. I’ve realized that this is no time to live simply for one’s own pleasure. We have to fight for freedom and take an active part in the battle for self-government!“ Voller Zorn und Begeisterung legte ihm der Mann seine Pläne dar: „I want to help the political prisoners, those martyrs for our freedom, for the freedom and benefit of all! ... I’ll get them newspapers to read, I’ll send their letters, who knows what could happen? I will always come in handy!“ Solche Reden werden dem konservativen Jamtsarano kaum behagt haben. Wie bereits erwähnt, führte er 1905 einen wütenden Kampf gegen die "antionationalen" Sozialisten.

Kaum saß die zaristische Regierung 1906 wieder einigermaßen fest im Sattel, da ließ Kriegsminister Alexei N. Kuropatkin, ein altgedienter Veteran des russischen Kolonialismus in Turkestan, die Burjaten in deutlichen Worten wissen, was man in St. Petersburg von ihrem Verlangen nach Selbstverwaltung hielt: Sie hätten nichts zu fordern. Ihr einziges Recht bestehe darin, die Gunst des Zaren zu erbitten. Sollten sie es jedoch wagen, die Befehle des Herrschers zu missachten, so werde man sie erbarmungslos ausradieren.

Für die weitere Entwicklung der burjatischen Nationalbewegung waren das Revolutionsjahr 1905 und seine Folgen vor allem aus zwei Gründen von Bedeutung.

Angesichts des drohenden Untergangs ihrer Herrschaft mobilisierten die Vertreter der alten Ordnung die rückständigsten Teile der Bevölkerung unter dem Banner von Monarchie und Vaterland, um sie als Stoßbrigaden der revolutionären Flutwelle entgegenzuwerfen. Dies nahm die Form der protofaschistischen Bewegung der "Schwarzhunderter" an, die mit mehr oder minder offener Unterstützung des Staates und der Orthodoxen Kirche reihenweise blutige Pogrome veranstalteten. Wir werden uns in einem späteren Artikel etwas genauer mit diesen widerwärtigen Verteidigern von Gott, Zar und Vaterland beschäftigen, in denen man zurecht die direkten Vorläufer von Mussolinis Schwarzhemden und Hitlers SA sehen kann. Für den Moment soll es genügen, darauf hinzuweisen, dass ihre bevorzugten Opfer zwar in gut russischer Tradition die Juden waren, doch dass auch andere nationale Minderheiten des Reiches unter dem Anheizen von Rassenhass und nationalen Konflikten zu leiden hatten, mit dem die.zaristischen Machthaber auf die revolutionäre Bedrohung reagierten. So kam es z.B. in der Ölmetropole Baku zu einem Massaker an der armenischen Bevölkerung, für das man allgemein Gouverneur Nakadschidze verantwortlich machte. Zezilija Bobrowskaja, die zu dieser Zeit als bolschewistische Parteiarbeiterin in Baku tätig war und das blutige Gemetzel miterlebte, schreibt in ihren Memoiren:
To disperse the clouds of revolution that hung threateningly in the air, [the governor] resorted to the favourite method used so widely by the authorities in tsarist Russia – the stirring up of race hatred. As an instrument for this murderous task, Nakashidze chose representatives of the most backward nationality in the Caucasus – the Tartars. Gangs of these men were provided by the police with guns and knives, and a special day was fixed for a massacre of the Armenians. I shall never forget those horrible days. All day long I tried every way to get to the districts. But all roads were completely cut off. We could not reach the districts in which the forces with which we could fight the hideous pogrom incited by the governor were concentrated. Our disarmed workers seethed with indignation, but they were powerless. No one had the least doubt, not even the inhabitants of the city, that the pogrom had been organized by the governor (Nakashidze was later assassinated by a bomb thrown at him by an Armenian revolutionary). I personally saw Nakashidze riding about giving orders to the police. [...] For three days Nakashidze's Tartar gangs pillaged and plundered the city. On the fourth day, having had his fill of blood and fearing the growing indignation of the workers in the districts, Nakashidze gave the signal for the pogrom to cease. To crown it all he arranged a peace farce – a procession of the united Tartar and Armenian clergy. After this the Tartar gangs were disbanded and order was once again restored. (2)
Für das letzte Dezennium seiner Existenz versuchte der Zarismus seine zerbröckelnde Herrlichkeit vor allem mit dem Kitt des großrussischen Nationalismus zusammenzuhalten. Dies galt verstärkt seit dem Staatsstreich vom 3. (15.) Juni 1907, als die Zweite Duma durch ein kaiserliches Ukas aufgelöst wurde, und die Regierung die vierundfünfzig sozialdemokratischen Abgeordneten mit dem georgischen Menschewiken Irakles Tseretelli an der Spitze verhaften ließ und in die Verbannung schickte.
Das Wahlrecht wurde massiv zugunsten der besitzenden Klassen verändert und die Zahl der Vertreter der sog. "Fremdstämmigen" (inorodtsy) drastisch verringert. Ganze Bevölkerungsteile, wie die muslimischen Einwohner Turkestans, verloren ihr Stimmrecht. Die Diskriminierung der Nichtrussen bei den Parlamentswahlen begründete die Regierung so:
[T]he Duma must be Russian in spirit, since it was created to safeguard the Russian Empire. Those foreign peoples who have come into our dominions must have representatives in the Duma for their needs, but they should never appear in such numbers which permit them to decide purely Russian questions. In those border regions where the population has not attained a sufficient level of civil education, the Duma elections must be suspended for the time being. (3)
Die auf dieser Grundlage gebildete Dritte Duma war nur noch demokratisches Beiwerk für das autoritäre Regime des Ministerpräsidenten Pjotr Stolypin, der bereits zuvor die gewaltsame Niederwerfung der revolutionären Bewegung durch militärische Strafexpeditionen und Sondergerichte geleitet hatte und damit für den Tod Tausender auf dem Schafott, im Gefängnis und in der sibirischen Verbannung verantwortlich war.
Hatte die Regierung den nichtrussischen Völkern unmittelbar nach der Revolution zumindest in kulturellen Belangen einige Zugeständnisse machen müssen, so initiierte man nach dem Staatsstreich von 1907 erneut eine aggressive Russifizierungspolitik, vor allem in besonders "gefährdeten" Regionen wie Polen und der Ukraine. Die große Rolle, die dabei der orthodoxen Kirche zukam, spiegelte die allgemeine Rückständigkeit der russischen Gesellschaft wider. Wie der Historiker Heinz-Dietrich Löwe schreibt:
A great irony lay behind the fact that national differences in many regions were still so weak and underdeveloped that for all practical purposes a Russian could still not be defined by the language spoken or by the nationality of parents. The defining criterion for being Russian in most legislation was the membership of the Russian Orthodox Church. (4)
Nicht nationale Bourgeoisie und kleinbürgerliche Intelligenzija, sondern Staatsbürokratie und Klerus waren die wichtigsten Träger des sich nur langsam entwickelnden russischen Nationalbewusstseins. Dabei ist es wichtig, sich über die Position der orthodoxen Kirche im Gefüge des zaristischen Gesellschaftssystems im Klaren zu sein. Anders als die katholische Kirche, die im Mittelalter jahrhundertelang mit dem Kaiser um die Vormachtstellung in Europa gerungen und offen ihren Anspruch auf Weltherrschaft proklamiert hatte, war die orthodoxe Hierarchie nie ein ernstzunehmender Rivale für die weltlichen Machthaber gewesen. Nicht dass es an Ambitionen gefehlt hätte, der feindlichen Schwester in Rom nachzueifern. So hatte der letzte Moskauer Patriarch Adrian noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts verkündet: „Das Zarenreich hat die Macht allein auf Erden, unter den Menschen ..., die Geistlichkeit jedoch hat die Macht auf Erden wie im Himmel.“ (5) Doch Peter der Große hatte allen Gelüsten des Klerus auf eine unabhängige Machtstellung 1721 ein Ende gesetzt, als er das Patriarchenamt abschaffte und die Leitung der Kirche dem Heiligen Synod übertrug, an dessen Spitze ein laikaler Oberprokuror stand. Seitdem war die Orthodoxie nur noch der religiöse Arm der Staatsbürokratie und das willige Werkzeug des Selbstherrschertums. Der Pope war das Sprachrohr des Zaren in der bäuerlichen Dorfgemeinde und die Regierung machte kein Hehl aus seiner politischen Funktion. Immer wieder erteilte sie den Priestern die offizielle Ordre, für eine loyale und nationale Gesinnung unter ihren Schäfchen zu sorgen.  
The church was supposed to embrace all aspects of life for all Russians, expressly not only as a spiritual but also as a national institution. The local parish was seen as the organisational centre around which everything else should be grouped, from the school to the care for the poor and to economic mutual assistance. The role of the church was seen as absolutely fundamental: only Orthodoxy made a Russian ... . Whether to mobilise the population, for demonstrations and celebrations or for elections, the priest was called in as the longest arm of state administration, or rather as a substitute for it. At least since his pilgrimage on the occasion of the canonization of Seraphim of Sarov as a new saint of the church [1903], the Tsar sought in the religious union between the ruler and the ruled a new means to anchor the monarchy more deeply in the consciousness of the people. (6)
In seiner Gesamtheit näherte sich der Heilige Synod nach 1905 mehr und mehr der radikalen Rechten an und ließ die düsteren Tage des allmächtigen Oberprokurors Pobjedonoszew wiederaufleben, der als böser Geist des reaktionären Regimes von Alexander III. in den 80er und 90er Jahren die Rolle eines russischen Torquemada gespielt hatte, wenn auch ohne Scheiterhaufen. Bei all dem vermischte sich die mittelalterliche Mentalität des orthodoxen Christentums mit der sprichwörtlichen Kulturlosigkeit der Popen (7) und der traditionellen Kriecherei des Klerus vor der Macht des Zaren. Wie Russlands großer Aufklärer Wissarion Belinski schon 1847 in seinem berühmten Brief an Nikolai Gogol über die Kirche geschrieben hatte: „Sie war immer eine Stütze der Knute und eine Dienerin des Despotismus.“ (8)
Die zentrale Bedeutung, die dem orthodoxen Christentum in der nationalen Ideologie Russlands zukam, schlug sich logischerweise auch in der Beziehung zu den nichtorthodoxen Bevölkerungsteilen des Imperiums nieder. Nach 1905 wurden vielerortens orthodoxe Bruderschaften als Kerntruppen eines aggressiven russischen Nationalismus gegründet, vor allem in Regionen, wo es eine andersgläubige Bevölkerungsmehrheit gab, wie im katholischen Polen oder unter den muslimischen Tataren. Zwar hatte der Zar am 17. April 1905 angesichts der revolutionären Bedrohung ein Religiöses Toleranzedikt erlassen, das erstmals den Übertritt eines orthodoxen Christen zu einer anderen Glaubensgemeinschaft gestattete. Doch spätestens seit dem coup d’etat vom Juni 1907 gehörte die erneute Festigung der privilegierten Stellung der Staatskirche zum offiziellen Regierungsprogramm. Die Forderung nach Religionsfreiheit wurde als unmittelbare Bedrohung für die Einheit und Autorität des russischen Staates empfunden. Dies galt für die Versuche der Altgläubigen (raskolniki), sich von jahrhundertelanger Diskriminierung zu befreien, ebenso wie für das Verlangen der Georgischen Kirche nach Autokephalie (Unabhängigkeit). Der konservative katholische Bischof von Vilnius (Wilna) Eduard von Ropp wurde sogar seines Amtes enthoben, da die Regierung in der von ihm gegründeten Katholisch-Konstitutionellen Partei ein Werkzeug polnischer Seperatisten zu erblicken glaubte. Als sich aufgrund des Toleranzediktes viele getaufte Tataren wieder ihrer traditionellen Religion zuwandten, malten orthodoxe Würdenträger das Schreckgespenst einer drohenden "Islamisierung" an die Wand und der Kasaner Erzbischof Nikanor beklagte sich, die Erlaubnis zum Bau neuer Moscheen gebe den Tataren das unerwünschte Gefühl, der Staat "schütze die Muslime" (9). Ministerpräsident Stolypin teilte die Ängste der geistlichen Herren und förderte nach Kräften die Gründung neuer orthodoxer Pfarreien in den mehrheitlich muslimischen Gebieten. 
Den Buddhisten Burjatiens erging es etwas besser als den Jüngern Mohammeds, obwohl auch sie sich mit christlichen Missionaren herumschlagen mussten, vor allem in den Regionen westlich des Baikalsees. Doch die Lehre des Erhabenen genoss in den Kreisen des Hofadels eine gewisse Sympathie und außerdem erschien sie politisch weniger gefährlich als der Islam. Dennoch startete die Kirche eine großangelegte antibuddhistische Kampagne, als in Petersburg ein buddhistischer Tempel (datsan) errichtet werden sollte, und organisierte in vielen Städten – u.a. auch in Irkutsk – "Protestgottesdienste" gegen die "Götzendiener", die es wagten, in der Hauptstadt des "Heiligen Russland" eine heidnische Kultstätte zu erbauen. (10)

Es verwundert nicht, dass dieser aggressive Nationalismus "von oben" auf der anderen Seite zu einem Erstarken des Nationalismus der unterdrückten Völkerschaften führte. Erst recht, da der von den sozialistischen Parteien vertretene Universalismus und Internationalismus aufgrund des Triumphs der Konterrevolution für den Moment stark an Anziehungskraft eingebüßt hatte.
Dabei darf man nicht vergessen, dass die institutionellen Rahmenbedingungen, unter denen sich dieses Erstarken der Nationalbewegungen vollzog, durch die Revolution in vielerlei Hinsicht stark verändert worden waren. Das Zarenreich war nach 1905 nicht mehr dasselbe wie vor dem "tollen Jahr". Nikolaus II. hatte sich gezwungen gesehen, eine Reihe von Reformen durchzuführen, die Russland einen halbkonstitutionalistischen Charakter verliehen. Die Tage des ungezügelten Despotismus waren endgültig vorbei. Es existierte die Duma, die der Zar zwar mehrfach auflöste, da ihm ihre Zusammensetzung nicht behagte, die aber dennoch ein für russische Verhältnisse ganz neues Feld der politischen Betätigung eröffnete. Es entstanden legale politische Parteien, zahlreiche Bildungs- und Kulturvereine, Volkstheater, Genossenschaften usw. Die Presse war zwar nicht frei, doch der kaiserliche Zensor sah sich gezwungen, den Knebel zumindest ein wenig zu lockern. Der Coup d'Etat von 1907 zerstörte nicht auf einen Schlag alle diese Errungenschaften, auch wenn er das Parlament zu einem machtlosen Schattendasein verdammte.
In diesem veränderten politischen Umfeld boten sich den bürgerlich-intellektuellen Führern der Nationalbewegungen völlig neue Entfaltungsmöglichkeiten. Eine ganze Reihe von ihnen saßen in der Ersten und Zweiten Duma. So auch Andrei Michailow, ein enger Vertrauter Tsyben Jamtsaranos, der 1905 den Vorsitz des Ersten Burjatischen Kongresses im Gouvernement Irkutsk inneghabt hatte. Am 13. März 1906 wurde ihm als Mitglied einer westburjatischen Delegation sogar die "Ehre" einer Audienz bei Nikolaus II. in Tsarskoje Selo zuteil. Jamtsarano selbst begab sich 1911 zusammen mit dem russischen Gesandten Korostowjets in die Äußere Mongolei, die zu dieser Zeit eine Art russisches Protektorat wurde, und arbeitete dort als Herausgeber der ersten mongolischen Zeitung und als Direktor einer von den russischen Behörden gegründeten Schule.
Sowohl Michailows Arbeit in der Duma als auch Jamtsaranos faktische Kollaboration mit dem russischen Kolonialismus in der Mongolei sind deutliche Zeichen dafür, dass die Stärkung der Nationalbewegung nach 1905 keineswegs notwendigerweise eine Verschärfung ihrer Opposition zum Zarenregime nach sich zog. Der Scheinkonstitutionalismus führte vielmehr zur verstärkten Integration ihrer bürgerlichen Führung in die politische Struktur des Reiches. In seinem Buch über die Dschaddiden in Turkestan fasst Abeed Khalid die Ziele der muslimischen Reformer so zusammen: „Jadid political strategies aimed at the creation of a Muslim voice in Turkestan and of Muslim participation in the imperial mainstream.“ (11) Ähnliches ließe sich über die meisten Nationalbewegungen im Russischen Reich sagen. Entgegen der unter zaristischen Bürokraten weit verbreiteten Furcht vor Seperatismus ging es den meist aus der Mittelklasse stammenden Nationalisten nicht um die Lostrennung von Russland oder den Sturz des Zarismus. Sie wollten sich lediglich eine soziale und politische Nische im bestehenden Staatsgebäude eroben. In der Duma standen die nationalen Gruppierungen in ihrer Mehrheit deshalb entweder den bürgerlich-liberalen "Kadetten" ("Konstitutionelle Demokraten") oder den konservativen Oktobristen nahe. Die armenische nationalrevolutionäre Partei Daschnakzutjun ("Föderation"), deren Programm sich am Vorbild der Sozialrevolutionäre (SR) orientierte, bildeten eine seltene Ausnahme. Allerdings sollte ihr radikaler Demokratismus die Daschnaken nicht davon abhalten, während des Weltkriegs Seite an Seite mit dem Zarismus gegen das Osmanische Reich zu kämpfen.
Das Verhalten der Nationalisten in der Ära des Halbkonstitutionalismus zeigt einmal mehr, dass Klasseninteressen noch immer über "nationale" Interessen gesiegt haben. Wenn das russische Bürgertum in Reaktion auf die Revolution auch die letzten Überbleibsel seiner ohnehin nie besonders starken republikanischen Ambitionen über Bord warf, so galt ähnliches für die wohlhabenden Schichten der "Fremdvölker". Die Angst vor einer neuen Revolution wog schwerer als alle demokratischen oder patriotischen Ideale. Aus Burjatien wird berichtet, dass nicht wenige Großbauern und Adelige ernsthaft mit dem Gedanken spielten, in die Mongolei auszuwandern, um einer drohenden Wiederholung der Unruhen von 1905 zuvorzukommen. Kein Wunder also, dass die besser gestellten Kreise der "fremdstämmigen" Intelligenz, die die "offizielle" Führung der Nationalbewegung bildeten, gleichfalls immer konservativer wurden.
Freilich blieben der Integration der nichtrussischen Eliten in die zaristische Gesellschaft während der von Autoritarismus und nationalem Chauvinismus geprägten Stolypin-Ära enge Grenzen gesetzt. Der von der Revolution in Furcht und Schrecken versetzte Zarismus beäugte alle noch so harmlosenn politischen Regungen seiner Untertanen mit tiefem Misstrauen. Erst recht, wenn es sich bei ihnen um Nichtrussen handelte. So witterten die tumben Polizeibürokraten z.B. hinter den Bemühungen der Dschaddiden, ein Netz moderner Schulen für Muslime aufzubauen, eine panislamische Verschwörung und die Hand Istanbuls. Als Mufti Muhammad’yar Sultanow zusammen mit anderen islamischen Rechtsgelehrten 1913 erklärte, an geistlichen Schulen könnten in Zukunft neben religiösen auch weltliche Fächer unterrichtet werden, stand für die Regierung fest, dass der zarentreue Mufti unter den Einfluss von „Tatar narodniks“ geraten war. (12) Ein derart "subversives" Ansinnen konnte schließlich nur einem von revolutionärer Propaganda verseuchten Gehirn entsprungen sein! Auf ausdrückliche Anordnung der Regierung durften in den maktabs und medresen nur der Koran und die theolgische Überlieferung studiert werden. Selbst die russische Sprache, deren Studium man vor 1905 von den islamischen Geistlichen verlangt hatte, sollte jetzt aus den religiösen Lehranstalten der Muslime verschwinden! Nicht viel besser als den Dschaddiden erging es den burjatischen Nationalisten, deren Kulturbarbeit nicht wenige zaristische Bürokraten als Teil einer von Japan gesteuerten panmongolischen Konspiration betrachteten.
Als ernstzunehmende politische Massenbewegungen existierten Panislamismus, Panturkismus und Panmongolismus freilich nur in den Köpfen der Petersburger Poilzeioberen. Zwar mochten Teile der jungtürkischen Elite von der Vereinigung aller Turkvölker unter der Führung Istanbuls träumen und dabei auch eine Handvoll Anhänger unter den muslimischen Intellektuellen des russisch beherrschten Zentralasien gewonnen haben, doch deren politischer Einfluss war minimal. Ähnliches gilt für die Bemühungen Tokios, die panmongolischen und panbuddhistischen Neigungen burjatischer Intellektueller den imperialistischen Ambitionen Japans im Fernen Osten dienstbar zu machen. Führende Vertreter des russischen Panmongolismus wie Agvan Dorschiew, Tsyben Jamtsarano oder Fürst Esper Uchtomski erblicketn im Zaren und nicht im Tenno ihren ersehnten Schutzherrn.
Die paranoide Furcht der Petersburer Führung vor all diesen pannationalistischen Schreckgespenstern war letztenendes Ausdruck eines geschichtlichen Widerspruchs, der im Rahmen des zaristischen Systems nicht aufgelöst werden konnte. Einerseits machte die Entwicklung des Kapitalismus, die unter Stolypin noch weiter forciert wurde, die Modernisierung der nichtrussischen Regionen des Reiches zu einer absoluten Notwendigkeit und stärkte damit die Position der nationalen Reformer. Andererseits bedeutete jedes Anzeichen einer nationalen Emanzipation unter den "Fremdstämmigen", jedes noch so bescheidene organisierte Auftreten der nationalen Intelligenzija automatisch eine Provokation für das Zarenregime und wurde von diesem als Bedrohung wahrgenommen.

Wenn das neu entstandene Netzwerk der Bildungs- und Kulturvereine, der politischen Parteien und der Presse der alten Führung der Nationalbewegung erlaubte, sich zumindest partiell mit dem autokratischen Regime zu arrangieren, begünstigte es andererseits das Heranwachsen einer neuen Generation burjatischer Intellektueller, die nicht länger bereit waren, sich mit der friedlichen Kulturarbeit ihrer Väter zu begnügen. 
Als der zukünftige Dichter und Dramatiker Pjotr Dambinow 1907 sein Studium an der vierzig Werst von Irkutsk entfernt gelegenen Landwirtschaftlichen Dscherdowski-Akademie antrat, wurde er Teil eines studentischen Milieus, in dem die Nachwirkungen des "tollen Jahres" noch deutlich zu spüren waren. Nicht, dass die Akademie die Heimstatt politischer Verschwörer gewesen wäre, aber offensichtlich huldigte man hier doch radikaleren Ansichten als in den Kreisen Jamtsaranos und Andrei Michailows. In einem Brief an die Pravda aus dem Jahr 1923 bezeichnete der Schriftsteller später den linken Nationalisten Michail Bogdanow als seinen ersten "revolutionären Lehrmeister". Allerdings stammte Dambinow auch nicht wie die meisten der älteren Intellektuellen aus einer wohlhabenden großbäuerlichen Familie. Wenn er an seine Kindheit zurückdachte, so erinnerte er sich vor allem an den ständigen Mangel an Essen, „leading the entire family to a half-starved existence…” Sicher kein unwichtiger Faktor für die politische Entwicklung des jungen Mannes. Und Dambinow war nicht allein auf der Akademie. Er fand vielmehr eine ganze Schar Gleichgesinnter. Die Studenten organisierten "Kulturabende", auf denen Lieder gesungen und Tänze oder kleine Theaterstücke aufgeführt wurden, die meist einen propagandistischen Inhalt hatten und den Zarismus oder die rückständigen Traditionen Burjatiens attackierten. Gemeinsam mit zwei Freunden gründete Dambinow einen Studienzirkel, in dem man sich mit Fragen der Philosophie, Geschichte, Soziologie und Psychologie auseinandersetzte. Die jungen Leute nannten ihre Gruppe Solbon (Venus; Morgenstern), wovon Dambinow später sein Pseudonym Solbone Tuya (Strahl der Venus) ableiten sollte. Hier las der zukünftige Dichter zum ersten Mal Pjotr Kropotkins Memoiren eines Revolutionärs. Die Lektüre der Autobiographie des bekannten Anarchisten führte fast zu seiner Relegation von der Akademie.
Aus diesen Kreisen gingen jene Männer und Frauen hervor, die 1917 auf der äußersten Linken in Burjatien stehen sollten. Einige von ihnen würden zu den Begründern des burjatischen Bolschewismus werden. Zu ihnen gehörte auch Maria Michailowna Sachjanowa, die erste burjatische Frau, die sich der bolschewistischen Partei anschloss. Die junge Bauerstochter aus dem heute unter einem Stausee begrabenen Shabartai Ulus kam 1915 nach Petrograd (13), um die Höheren Bildungskurse P.S. Lesgafts zu besuchen. Wie viele junge Burjaten war auch Maria von einem leidenschaftlichen Verlangen nach Bildung, Wissen und Kultur erfüllt. Kurz nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt schrieb sie in einem Brief an ihren ehemaligen Lehrer und Förderer Chagalow: „Here I am, in classes in the lecture hall, right at the center of light and knowledge that called to me so powerfully! Every day, every hour I spend is filled with gratitude to all of you who gave me moral and financial support.“ In Petrograd fand sie schon bald Zugang zu sozialdemokratischen Studentenzirkeln: 
In late 1915 in Petrograd, in the socialdemocratic club at Lesgaft’s courses, fiery debates raged between Bolsheviks and Mensheviks about the question of peace and revolution. I felt closer to the Bolshevik’s position and understood it better. I somehow quickly took the side of the defeat of tsarism in the imperialist war which would transform into civil war. In february 1916 I became a member of the Petrograd Organization of the Russian Social Democratic Revolutionary Party (Bolshevik). (14)
Neben der Kriegsfrage war es sicher die kompromisslose Verteidigung des Selbstbestimmungsrechts der Nationen durch die Bolschewiki und ihr unermüdlicher Kampf gegen den großrussischen Chauvinismus der die Entscheidung der jungen Burjatin beeinflusste. Eigenen Aussagen zufolge beeindruckten sie von Lenins Schriften neben der Abhandlung Der Krieg und die russische Sozialdemokratie vor allem Die Sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen sowie Über den Nationalstolz der Großrussen.
Lenin hatte den großrussischen Chauvinismus bereits während seiner Kindheit und Jugend im Gouvernement Simbirsk kennen und hassen gelernt:
[I]ch brauche mir nur meine Wolgazeit ins Gedächtnis zurückzurufen und mich daran zu erinnern, wie man bei uns die Nichtrussen behandelt, wie man einen Polen nicht anders denn "Polacken" nennt, jeden Tataren als "Fürsten" verspottet, den Ukrainer nur beim Spitznamen "Chochol" ruft, alle Georgier und die Angehörigen anderer kaukaischer Stämme als "Kapkaser" verhöhnt. (15)
Er betrachtete es als die unbedingte Pflicht eines großrussischen Sozialisten, jede Form der nationalen Unterdrückung und Benachteiligung aufs entschiedenste zu bekämpfen. Das nationale Programm der Bolschewiki umriss er 1913 wie folgt:
[K]eine Privilegien für irgendeine Nation, für irgendeine Sprache; Lösung der Frage der politischen Selbstbestimmung der Nationen, d.h. ihrer staatlichen Lostrennung, auf völlig freiem, demokratischem Wege; Erlass eines für den ganzen Staat geltenden Gesetzes, kraft dessen jede beliebige Maßnahme [...], die in irgendwelcher Hinsicht einer der Nationen ein Privileg gewährt und die Gleichberechtigung der Nationen oder die Rechte einer nationalen Minderheit verletzt, für ungesetzlich und ungültig erklärt wird – und jeder beliebige Staatsbürger berechtigt ist zu verlangen, dass eine solche Maßnahme als verfassungswidrig aufgehoben wird und diejenigen, die sie durchsetzen wollen, strafrechtlich belangt werden. (16)
Jede Form des nationalen Chauvinismus müsse aufs schärfste bekämpft und das Recht der "kleinen Völker" auf Bildung eigener Staaten kompromisslos verteidigt werden. Immer wieder zitierte Lenin in seinen entsprechenden Schriften den engels’schen Ausspruch: „Ein Volk, das andre unterdrückt, kann sich nicht selbst emanzipieren.“ (17) Das bedeutet allerdings nicht, dass die Bolschewiki für eine Aufteilung Russlands in unzählige kleine Nationalstaaten eingetreten wären. Ein Recht zu verteidigen ist schließlich nicht gleichbedeutend damit, die Ausübung dieses Rechtes auch zu fordern. Ihnen schwebte vielmehr ein freiwilliges Bündnis aller Nationen des russischen Reiches auf demokratischer und gleichberechtigter Grundlage vor. Die Verteidigung des Rechts auf Selbstbestimmung müsse einhergehen mit der Erziehung der „Arbeiter zur ‘Gleichgültigkeit’ den nationalen Unterschieden gegenüber". Eine Aufsplitterung der Arbeiterbewegung nach nationalen Gesichtspunkten, wie sie der jüdische Bund praktizierte, lehnten die Bolschewiki kategorisch ab. Die Sozialisten in den unterdrückten Nationen müssten vielmehr gegen den bürgerlichen Nationalismus und Separatismus ankämpfen und stattdessen für ein enges Bündnis mit der großrussischen Arbeiterklasse eintreten:
D]er Sozialdemokrat einer kleinen Nation [muss] den Schwerpunkt seiner Agitation auf das zweite Wort unserer allgemeinen Formel legen: "freiwillige Vereinigung" der Nationen. [...] In allen Fällen [...] muss er gegen die kleinnationale Beschränktheit, Abgeschlossenheit und Isolation kämpfen, für die Berücksichtigung des Ganzen und Allgemeinen, für die Unterordnung der Interessen des Teils unter die Interessen der Gesamtheit. (18)
Das Endziel des Sozialismus aber bestehe in der zukünftigen Verschmelzung aller Nationen: „The aim of socialism is not only to abolish the present division of mankind into small states and all national isolation; not only to bring the nations closer to each other, but also to merge them.“ (19)
Wie in allen kriegsführenden Nationen führte der Weltkrieg auch in Russland zu einem nie gekannten Ausbruch des nationalen Chauvinismus, der das ganze Land in einer übelriechenden Schlammflut zu ertränken drohte. Lenin verfasste daraufhin sein wütendes Pamphlet Über den Nationalstolz der Großrussen:
Wieviel wird jetzt über Nationalität und Vaterland geredet, gedeutelt, geschrien! Liberale und radikale Minister Englands, eine Unmenge "fortschrittlicher" Publizisten Frankreichs (die mit den reaktionären Publizisten ganz einer Meinung sind), eine Unmasse amtlicher, kadettischer [liberaler] und progressiver Federfuchser Russlands (manche Volkstümler und "Marxisten" eingeschlossen) – sie alle lobpreisen auf tausenderlei Art die Freiheit und Unabhängigkeit der "Heimat", die Erhabenheit des Prinzips nationaler Selbstständigkeit. Man weiß nicht, wo man den Grenzstrich ziehen soll zwischen dem käuflichen Barden des Henkers Nikolaus Romanow oder der Schinder von Negern und Indern und dem Durchschnittsspießer, der aus Stumpfsinn und Charakterlosigkeit "mit dem Strom" schwimmt. Es hat auch keinen Sinn, hier Unterschiede zu machen. [...] Niemand ist schuld daran, dass er als Sklave geboren wurde; aber ein Sklave, dem nicht nur alle Freiheitsbestrebungen fremd sind, sondern der seine Sklaverei noch rechtfertigt und beschönigt (der beispielsweise die Erdrosselung Polens, der Ukraine usw. als "Vaterlandsverteidigung" der Großrussen bezeichnet) ein solcher Sklave ist ein Lump und ein Schuft, der ein berechtigtes Gefühl der Empörung, der Verachtung und des Ekels hervorruft. (20)
Maria Sachjanowa konnte ihr Studium in Petrograd nur mit Unterbrechungen fortzsetzen, da ihre finanzielle Lage sie immer wieder zur Annahme zeitraubender Gelegenheitsarbeiten zwang. Daneben leitete sie einen marxistischen Zirkel unter den Studenten und Studentinnen der Lesgaft’schen Kurse. Politische Literatur und Propagandamaterial erhielt die Gruppe vom Petrograder Parteikomitee: 
The [...] Committee systematically gave the Lesgaft Bolshevik Student Organization copies of the newspaper The Social Democrat and collections of articles by the same name, which Lenin published abroad illegally. Lenin's articles and works printed in these publications gave us underground political activists valuable and rich guidance in our actions. We found comprehensive answers to all questions related to our struggle.
Gegen Ende 1916 wurde die junge Revolutionärin verhaftet und im Petrograder Frauengefängnis inhaftiert. Doch schon nach wenigen Monaten sollte der Februarumsturz sie wieder aus dem zaristischen Kerker befreien.


Fortsetzung folgt ...




(1) Zit. nach: Frederik Hetmann: Rosa L.–  Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit. S. 132.
(2) Cecilia Bobrovskaya: Twenty Years in Underground Russia: Memoirs of a Rank-and-File Bolshevik. Kap. 7.
(3) In: A. Izgoev: P. A. Stolypin. Ocherk zhizni i deiatel'nosti. S. 88f. Zit. nach: Heinz-Dietrich Löwe: Russian Nationalism and Tsarist Nationalities Policies in Semi-Constiutional Russia, 1905-1914.
(4) Heinz-Dietrich Löwe: Russian Nationalism and Tsarist Nationalities Policies in Semi-Constiutional Russia, 1905-1914.
(5) Zit. nach: Victor Buganow: Peter der Große: Persönlichkeit und Epoche. S. 325.
(6) Heinz-Dietrich Löwe: Russian Nationalism and Tsarist Nationalities Policies in Semi-Constiutional Russia, 1905-1914.
(7) Und nicht nur der einfachen Dorfpopen. Als Bischof Aleksej von Saratow einen antisemitischen Aufsatz Über die Moral des Talmud veröffentlichte, erschien kurz darauf ein Leserbrief I.G. Neusichins in der liberalen Zeitung Rech’. Neusichin hatte den Bischof während seiner Recherchen in einer Bibliothek getroffen und war von ihm um Hilfe angegangen worden. Der Kirchenmann hatte ihn u.a. um eine Erklärung der „geheimnisvollen Zeichen ‘3f. a’, ‘47f. b’“ gebeten! Ergebnis der "profunden Studien" Aleksejs war ein mit grammatikalischen Schnitzern gespicktes Sammelsurium altbekannter judenfeindlicher Lügengeschichten. (Vgl.: Raimund Elfering: Die „Bejlis-Affäre“ im Spiegel der liberalen russischen Tageszeitung „Rech’“. S. 115.)
(8)  Wissarion Beliniski: Brief an N.W. Gogol. In: Meister der Kritik. Belinski - Dobroljubow - Tscheryschewski. S. 141.
(9) Vgl.: Naganawa Norihiro: Molding the Muslim Community through the Tsarist Administration: Mahalla under the Jurisdiction of the Orenburg Mohammedan Spiritual Assembly after 1905. S. 113.
(10) Vgl.: Elena A. Ostrovskaya: Buddhism in Saint Petersburg. In: Journal of Global Buddhism. Nr. 5. S. 38f.
(11) Abeed Khalid: The Politics of Muslim Cultural Reform. Jadidism in Central Asia. S. 243.
(12) Vgl.: Naganawa Norihiro: Molding the Muslim Community through the Tsarist Administration: Mahalla under the Jurisdiction of the Orenburg Mohammedan Spiritual Assembly after 1905. S. 110/111. "Narodnik"="Volkstümler"; Anhänger der vormarxistischen revolutionären Bewegung Russlands, deren Erbe die Partei der Sozialrevolutionäre (SR) angetreten hatte.
(13) Seit dem Beginn des Weltkriegs hieß St. Petersburg offiziell Petrograd.
(14) Maria M. Sakhyanova: S Lenym v serdse. In: Sibirskie stranitsy o Il'iche. S. 170. 
(15) Wladimir Iljitsch Lenin: Brief an den Parteitag. In: Ders.: Ausgewählte Werke. Bd. VI. S. 655.
(16) W. I. Lenin: Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage. In: Ders: Ausgewählte Werke. Bd. II. S. 358/59.
(17) Friedrich Engels: Flüchtlingsliteratur. I: Eine polnische Proklamation. In: K. Marx/ F. Engels: Werke. Bd. 18. S. 527.
(18) W. I. Lenin: Die Ergebnisse der Diskussion über die Selbstbestimmung. In: Ders.: Werke. Bd. 22. S. 354.
(19) Wladimir I. Lenin: The Socialist Revolution and the Right of Nations to Self-Determination.
(20) Wladimir I. Lenin: Über den Nationalstolz der Großrussen. In: Ders.: Ausgewählte Werke. Bd. II. S. 533/35.
(21) Maria M. Sakhyanova: S Lenym v serdse. In: Sibirskie stranitsy o Il'iche. S. 170.